|  2009-01-28
Von Anneke Bokern @ 12:35 Ist Marcel Wanders jetzt unter die Bühnenbildner gegangen? Könnte man durchaus meinen angesichts der Deko zur Barockoper L'Ercole Amante, die noch bis Samstag im Muziektheater läuft. Es ist ein großartiges ironisches Spektakel rund um einen verliebten Herkules alias Louis XIV im Muskelkostüm. Offenbar hat sich die Regie gedacht, dass man bei einer Barockoper ruhig mal allen guten Geschmack fahren lassen und richtig auf den Putz hauen kann. Recht hatte sie.

Bei Youtube kann man sich den steroidgesättigten Herkules in einer kleinen filmischen Einleitung zu Gemüte führen.
2009-01-19
Von Anneke Bokern @ 16:16 Die Gerard Doustraat in De Pijp – diese lange Gasse, in der früher auf Fußgängerniveau nur die Hintereingänge der Läden am Albert Cuypmarkt lagen – wird offenbar immer hipper. Neulich bin ich sie mal wieder entlang gegangen und stellte fest, dass plötzlich in jedem zweiten Ladenraum ein Architekturbüro sitzt bzw. Delikatessen oder Second-Hand-Design oder ähnliches verkauft werden.
Am allerallerhipsten scheint aber Sid Lee zu sein, eine Werbeagentur aus Montreal, die sich Ende 2008 in der Gerard Doustraat niedergelassen hat. Da wird KesselsKramer sich warm anziehen müssen. Zum Büro gehört ein Café, das wiederum auf der Seite der Albert Cuypstraat liegt, sowie eine kleine Designgalerie. "Gallery-boutique-atelier" nennt sich das ganze. Sieht von außen erstmal nicht so aus, aber man kann einfach reinlaufen. Drinnen gab es eine lustige kleine Ausstellung mit Konzeptstühlen namens SUCC (Slightly Uncomfortable Chair Collection). Und im Café gab's Salat ohne Dressing, was angeblich typisch kanadisch ist.
Natürlich hat Sid Lee auch ein Blog.

Suchbild: schwarze Stühle vor schwarzer Wand
2008-11-19
Von Anneke Bokern @ 12:18 Hier mal ein Tipp, der nur für jene unter meinen Lesern brauchbar ist, die des Niederländischen mächtig sind und in den Niederlanden wohnen. Aber denen möchte ich den Tipp wirklich wärmstens ans Herz legen. Jedenfalls sofern sie gerne kochen und/oder essen. Oder jemanden kennen, der all diese Bedingungen erfüllt und ein Weihnachtsgeschenk verdient hat.

Ich habe nämlich gerade das großartigste aller niederländischen Kochbücher erworben. Es nennt sich Raapsteeltje, stammt von Simone Kroon und Sándor Schiferli, wird vom Verlag Terra Lannoo herausgegeben und kostet 29,95. Der Prototyp war letztes Jahr in den Graduation Galleries der Design Academy ausgestellt, denn dort hat Kroon studiert und ihr Buchprojekt als Abschlussarbeit entwickelt.
Raapsteeltje ("Rübstielchen") ist regionalen kulinarischen Produkten aus den Niederlanden gewidmet und zeigt, was man so alles mit ihnen anstellen kann. Von bekannteren Spezialitäten wie Texeler Lammschinken und zeeländischem Hummer bis hin zu Grunneger Dreuge Bonen (noch nie gehört), Giele Wâldbeantsjes (wie bitte?) und Andijker Muizen (offenbar keine Mäuse, sondern kleine Kartoffeln).
Das alles ist sehr schön gestaltet, mit Fotos von Bauern auf dem Feld nebst ihren runzeligen Urgemüsen sowie hübsch krakeligen Zeichnungen versehen und kommt zum Glück ganz ohne Jamie-Oliver-Getue aus. Praktischerweise gibt es auch einen Anhang mit Adressen, bei denen man die Zutaten kaufen kann.
2008-08-20
Von Anneke Bokern @ 09:33 Der niederländische Staat plant, neun Autobahn-Panoramen unter Schutz zu stellen. Auf diesen Strecken sollen Autofahrer auch in Zukunft einen freien Blick auf Polder- und Heidelandschaften haben.
Ganz so abwegig, wie es klingt, ist das gar nicht, denn wer mal mit dem Auto durch die Niederlande gefahren ist, der weiß, worum es geht. "Ja, wie sieht's denn hier aus?" sagte ein Freund mal im selben entsetzten Tonfall, den meine Mutter früher beim Blick ins unaufgeräumte Kinderzimmer anschlug. Niederländische Autobahnen sind gesäumt von einem Durcheinander aus Autohäusern, Bürobauten und Lagerhallen. Sichtstandort nennt sich sowas und ist höchst begehrt. Der Gestaltungsbeirat der jeweiligen Gemeinde hat da meist nichts zu melden, und dementsprechend wird der Blick oft nicht nur verstellt, sondern auch noch mit den unglaublichsten Auswüchsen der Kommerz-Architektur konfrontiert. Und da dieses Land bekanntlich platt ist, kann man daran auch nicht vorbeischauen.
Aber ein wenig zweifelhaft ist diese Schutzmaßnahme schon. Landschaft ist offenbar nur als Kulisse schützenswert, die man bei 120 km/h an sich vorbeirauschen sieht (wenn man nicht gerade in einem der ewigen Staus in der Randstad rumsteht). Ich verkneife mir jetzt bewusst alle gut durchgekauten Theorien über die Niederländer und ihre gemachten Landschaften, auch wenn sie gerade sehr nahe liegen.
2008-08-19
Von Anneke Bokern @ 17:38 Nein, ich bin nicht so still, weil ich keine Lust zum Schreiben habe. Es ist einfach so still in Amsterdam. Komkommertijd, also Sauregurkenzeit vom feinsten. Dabei sind die Sommerferien vorbei. Selbst die Schule hat gestern wieder angefangen. Aber mir scheint, alles hängt, sofern das Wetter es zulässt, am Strand rum und wartet auf das große Einläuten der Kultursaison beim Uitmarkt am 30./31. August. Und in Designkreisen geht das Leben sowieso erst im September los, aber dann wird es ein heißer Herbst. 18.9. bis 2.11.: Experimentadesign in Amsterdam, 17. bis 26.10.: Interieurbiennale in Kortrijk (na gut, das ist nicht um die Ecke, aber immerhin im selben Sprachgebiet), 18. bis 26.10.: Designweek in Eindhoven. Ach ja, und dann findet auch noch in Rotterdam vom 13.-20.9. die 10. Docomomo-Konferenz statt. 2008-08-11
Von Anneke Bokern @ 10:03 Noch bis 16. August gibt es jeden Abend kostenlose Freiluft-Filmvorführungen auf dem Stenen Hoofd in Amsterdam. Die Filme, die beim jährlichen Festival Pluk de Nacht gezeigt werden, sind eher von der obskuren Sorte, aber der Ort ist großartig: eine kleine Halbinsel im IJ zwischen Westerdok und Silodam, voller schrottiger Hüttchen, Bauwagen, etc. Ab 16 Uhr ist das Gelände geöffnet, und sobald es dunkel wird (also nicht vor 21.30 Uhr), beginnen die Vorführungen. Bei schönem Wetter sollte man frühzeitig einen Liegestuhl besetzen und die Wartezeit mit Cocktails füllen.

2008-04-03
Von Anneke Bokern @ 13:28 Neulich habe ich zum ersten Mal das alte Lichtschiff bemerkt, das seit einer Weile vor der NDSM-Werft in Amsterdam-Noord liegt. Vom Silodam aus ist es gar nicht zu übersehen. Was mag das wohl sein, hab ich mich gefragt. Ein Club wie die MS Stubnitz? Eine Konzertbühne wie im benachbarten U-Boot Kursk? Leider nicht. Das Gefährt beherbergt schlicht Konferenzräume, wie man auf der Website zum Lightship Brightside erfährt. Ja, ja, die "creative economy". Bei dem Stichwort wird es allen Beamten und Managern in Amsterdam momentan ganz warm ums Herz. Heißt nämlich so viel wie: Wir wirken jugendlich unangepasst und lassen uns gerne in die (Sub-)Kultur-Schublade stecken, haben aber trotzdem Geld. Eine ideale Verbindung.
Einen schönen Beitrag über Lichtschiffe gibt es übrigens gerade im Blog strangeharvest.
2008-03-28
Von Anneke Bokern @ 11:43 Über die englischsprachige Gratis-Wochenzeitung Amsterdam Weekly habe ich hier schon einmal berichtet. Sie liegt an zahlreichen Orten in Amsterdam aus, enthält durchaus lesenswerte (wenn auch manchmal etwas lange) Artikel und vor allem einen Veranstaltungskalender, der auch Besuchern zugänglich ist, die des Niederländischen nicht mächtig sind. Obendrein hat sie diverse Preise für ihr Grafikdesign gewonnen.
Nun könnte es ihr allerdings an den Kragen gehen. Offenbar sind die bisherigen Investoren kurzfristig abgesprungen, und Herausgeber und Redaktion mussten einen letzten, verzweifelten Rettungsversuch starten, damit das Weekly keinen leisten Tod stirbt. Die Rettungsaktion steht unter dem Motto "Amsterdam Weekly for Sale". Jede Seite wurde in 204 Quadrate unterteilt, die man für 5 Euro pro Stück kaufen kann. Gedruckt wird nächste Woche nur, was verkauft ist.
Bisher sind gerade einmal 3% finanziert, es könnte also ein ziemlich fragmentarisches, weißlastiges Blatt werden. Also: Kauft, Leute, kauft! Neben dem guten Gefühl, das schon beim Kauf von 1 Block entsteht, gibt es für den Kauf von 3 Blöcken auch noch eine Party-Einladung und ab 10 Blöcken zusätzlich ein T-Shirt.

2008-01-23
Von Anneke Bokern @ 11:20 Schon ewig möchte Amsterdam für seine Altstadt ein Plätzchen auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO ergattern. Geklappt hat's bisher allerdings nicht. Da hilft es auch nicht, dass man zum Beispiel schon seit Jahren keine neuen Dachterrassen mehr in der Innenstadt anlegen darf, weil diese das Stadtbild beeinträchtigen könnten. Im übrigen dürfte das neue Giga-Wohnungsbauprojekt Westerdokseiland, das sich am Ende der Prinsengracht ziemlich rücksichtslos ins historische Bild schiebt, noch viel weniger förderlich für dieses Ziel sein. Jedenfalls wurde der offizielle Antrag gerade mal wieder aufgeschoben.
Und schwupp – schon steht die Konkurrenz bereit. Utrecht will sich mit seinem mittelalterlichen Hafenkomplex, also den lauschigen Lagerkellern an der Oude Gracht, um einen Platz auf der Liste bewerben. Keine blöde Idee, da dieser Kanal ja ohnehin schon 1988 im trashigen Kultthriller Amsterdamned als echte Amsterdamer Gracht verkauft wurde. Vielleicht ist Utrecht einfach das bessere Amsterdam? Gießt man das Zentrum von Utrecht in Aspik, könnte Amsterdam wenigstens eine lebendige Stadt bleiben.

Amsterdam? Utrecht? Egal, Hauptsache Weltkulturerbe.
2007-08-23
Von Anneke Bokern @ 15:58 Am letzten Sonntag habe ich einen kleinen Fahrradausflug nach Amsterdam-Noord gemacht und dabei ein terrasje entdeckt, das ich in der Liste neulich ganz vergessen hatte: die IJ-Kantine. Sie befindet sich direkt neben dem Anlager der NDSM-Fähre, auf dem Gelände der ehemaligen NDSM-Werft. Weder das Essen noch der Service sind weiter erwähnenswert, der Blick dagegen schon: Man schaut aufs Hafenbecken nebst diversen alten Pötten, darunter ein ausrangiertes U-Boot, ein Feuerwehrschiff, ein Segelschiff (das inzwischen auch ein Restaurant ist), und dem Silodam in der Ferne.




Ein paar Meter weiter Richtung Westen entsteht außerdem gerade eines der unglaublichsten Gebäude, die ich seit langem gesehen habe. Das Büro OTH Architecten hat eine gläserne Bürobox auf eine alte Hafenkranspur gebaut. Das ganze ist sage und schreibe 270 Meter lang und wird zum neuen Hauptsitz der Fernsehproduktionsfirma IDTV. Hier gibt es mehr Fotos.


|