stone twins
Es kann mich immer noch überraschen, wie unglaublich viele interessante Designer es in diesem Kleinstland gibt. Heute bin ich zum ersten Mal auf der Website der Stone Twins gelandet, die gerade die Leitung der Abteilung "Man and Communication" an der Design Academy in Eindhoven übernommen haben.
Die Website der Agentur, die irgendwo zwischen Design und Werbung pendelt, ist etwas anstrengend, Spaß macht aber die Sprachauswahl zwischen "Jargon" und "No-Nonsense". Das würde manch einer Designer- und Architektenwebsite gut tun... Viele wären vermutlich gar nicht wiederzuerkennen, wenn man ihre auftraggebergerechte Schulterpolstersprache durch Klartext ersetzen würde.
Bei design.nl gibt es ein Interview mit Declan und Garech Stone anlässlich ihres neuen Amts an der Design Academy.
geeignet/ungeeignet
Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass in den Niederlanden oft die unsympathischsten Produkte/Firmen/Institutionen die besten Werbekampagnen haben? Offenbar kitzeln diese Auftraggeber die Werber zu Höchstleistungen.
In Deutschland wäre Fernsehwerbung für die Bundeswehr jedenfalls undenkbar. In Holland gibt es dagegen schon seit längerem die "geschikt/ongeschikt"- (geeignet/ungeeignet)-Serie. Roter Faden ist immer, dass der Hauptdarsteller sich in einer alltäglichen Situation als tauglich oder eben untauglich für die niederländischen Streitkräfte erweist. Natürlich kann man kritisieren, dass die Armee dabei als Spielplatz für starke Jungs verharmlost wird. Über die Spots muss ich trotzdem lachen.
Wer jetzt noch nicht genug hat: Hier gibt's noch mehr.
ercole amante
Ist Marcel Wanders jetzt unter die Bühnenbildner gegangen? Könnte man durchaus meinen angesichts der Deko zur Barockoper L'Ercole Amante, die noch bis Samstag im Muziektheater läuft. Es ist ein großartiges ironisches Spektakel rund um einen verliebten Herkules alias Louis XIV im Muskelkostüm. Offenbar hat sich die Regie gedacht, dass man bei einer Barockoper ruhig mal allen guten Geschmack fahren lassen und richtig auf den Putz hauen kann. Recht hatte sie.

Bei Youtube kann man sich den steroidgesättigten Herkules in einer kleinen filmischen Einleitung zu Gemüte führen.
Amsterdamblog auf Deutsch oder Englisch?
Da meine Zeiten beim Hochparterre – leider, leider – dem Ende entgegen gehen, konzipiere ich zur Zeit meinen neuen Blog. Eigentlich soll fast alles beim alten bleiben, aber bei einer wichtigen Sache bin ich mir nicht sicher: Soll ich in Zukunft weiterhin auf Deutsch oder lieber auf Englisch bloggen?
Auf Englisch erreicht man natürlich ein viel größeres Publikum. Weil ich aber meine treuen bisherigen Leser auch nicht verprellen will, habe ich dazu eine kleine Doodle-Umfrage eingerichtet. Bitte stimmt also fleißig ab! Bin gespannt auf das Ergebnis.
erick van egeraat bankrott
nachhaltigkeitszentrum am abschlussdeich
Im Februar wird ein Architekturwettbewerb für den Bau eines "World Sustainability Centre" am Afsluitdijk lanciert. In diesem Zentrum sollen Forscher aus aller Welt Nachhaltigkeitsstudien betreiben und außerdem ein Hotel mit 40 Zimmern untergebracht werden. Der Baubeginn ist für 2013 geplant.
So allmählich wird man schon ganz mürbe von all den groß angekündigten Nachhaltigkeitsinitiativen. Dabei wäre das nachhaltigste, was man in den Niederlanden tun könnte, vermutlich einfach eine nachträgliche Isolierung bestehender Wohnhäuser. Persönlich heize ich ein komplettes Flachdach und einen durchbetonnierten Laubengang-/Wohnungs-/Balkonboden mit. Außerdem haben die meisten älteren Häuser in Holland einfach verglaste und unglaublich schlecht schließende Fenster, und die Anschaffung alternativer Energiequellen wie Solarzellen wird immer noch nicht ordentlich gefördert.
Was mir aber vor allem aufgefallen ist, ist das Foto vom Opernhaus in Oslo auf der Website des Wettbewerbs. Was, bitte schön, hat denn ein Gebäude mit Nachhaltigkeit zu tun, das mit 38 000 monolithischen Marmorblöcken verkleidet ist, die in Carrara abgebaut, zum Schneiden nach China verschifft und dann zurück nach Norwegen geschafft wurden (wo es Natursteinvorkommen ohne Ende gibt)? Das monumentalste an dieser Oper ist ihr ökologischer Fußabdruck.
Aber ihre Ikonenhaftigkeit ist natürlich höchst marketingtauglich. Hoffen wir mal nicht, dass das das Leitbild für das zukünftige niederländische Nachhaltigkeitszentrum sein soll.
der verrückte verkehrsplaner
Monderman geriet ins Grübeln. Und probierte Mitte der 1980er Jahre in Oudekaste, einem Dorf in der Provinz Friesland, etwas völlig Neues aus: Schranken, Blumenkübel, Poller und all die üblichen Schikanen, die Raser und Unvorsichtige doch nicht hatten stoppen können, liess er entfernen. Er baute die zentrale Kreuzung des Ortes so um, dass sie schlechter einsehbar war als vorher und Autofahrer zwangsläufig abbremsen mussten, um sie gefahrlos zu passieren.
Manchmal muss man ausländische Zeitungen lesen, um interessante Dinge über die Niederlande zu erfahren. Von Hans Monderman hatte ich noch nie gehört, dabei scheint er weltbekannt zu sein – bei Verkehrsplanern und Gemeindeverwaltungen.
Im NZZ Folio ist jedenfalls gerade ein sehr schöner Artikel von Harald Willenbrock über Monderman und seine unorthodoxen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen erschienen.
sid lee
Die Gerard Doustraat in De Pijp – diese lange Gasse, in der früher auf Fußgängerniveau nur die Hintereingänge der Läden am Albert Cuypmarkt lagen – wird offenbar immer hipper. Neulich bin ich sie mal wieder entlang gegangen und stellte fest, dass plötzlich in jedem zweiten Ladenraum ein Architekturbüro sitzt bzw. Delikatessen oder Second-Hand-Design oder ähnliches verkauft werden.
Am allerallerhipsten scheint aber Sid Lee zu sein, eine Werbeagentur aus Montreal, die sich Ende 2008 in der Gerard Doustraat niedergelassen hat. Da wird KesselsKramer sich warm anziehen müssen. Zum Büro gehört ein Café, das wiederum auf der Seite der Albert Cuypstraat liegt, sowie eine kleine Designgalerie. "Gallery-boutique-atelier" nennt sich das ganze. Sieht von außen erstmal nicht so aus, aber man kann einfach reinlaufen. Drinnen gab es eine lustige kleine Ausstellung mit Konzeptstühlen namens SUCC (Slightly Uncomfortable Chair Collection). Und im Café gab's Salat ohne Dressing, was angeblich typisch kanadisch ist.
Natürlich hat Sid Lee auch ein Blog.

Suchbild: schwarze Stühle vor schwarzer Wand
sportdome
"Wie entwirft man einen Raum für jemanden, der sich eigentlich gar nicht darin aufhalten will?", fragt Willem van der Sluis alias Customr zu Beginn der Internet-Präsentation seines Sportdome. Dann folgen Fotos von einem Projekt, das den typisch niederländischen Designcocktail aus Pragmatismus, Unkonventionalität und einem Schuss Poesie so virtuos mixt, wie schon lange keins mehr. Anhand dieses Bauwerks könnte man ganz wunderbar über das Verhältnis von Innen- und Außenraum philosophieren, aber das sollte man vielleicht besser irgendwann einmal morgens um drei nach diversen Gläsern Wein tun.

Foto: Josje Deekens
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