rübstielchen

[Kultur]

Hier mal ein Tipp, der nur für jene unter meinen Lesern brauchbar ist, die des Niederländischen mächtig sind und in den Niederlanden wohnen. Aber denen möchte ich den Tipp wirklich wärmstens ans Herz legen. Jedenfalls sofern sie gerne kochen und/oder essen. Oder jemanden kennen, der all diese Bedingungen erfüllt und ein Weihnachtsgeschenk verdient hat.

raap2 kartoffel

Ich habe nämlich gerade das großartigste aller niederländischen Kochbücher erworben. Es nennt sich Raapsteeltje, stammt von Simone Kroon und Sándor Schiferli, wird vom Verlag Terra Lannoo herausgegeben und kostet 29,95. Der Prototyp war letztes Jahr in den Graduation Galleries der Design Academy ausgestellt, denn dort hat Kroon studiert und ihr Buchprojekt als Abschlussarbeit entwickelt.

Raapsteeltje ("Rübstielchen") ist regionalen kulinarischen Produkten aus den Niederlanden gewidmet und zeigt, was man so alles mit ihnen anstellen kann. Von bekannteren Spezialitäten wie Texeler Lammschinken und zeeländischem Hummer bis hin zu Grunneger Dreuge Bonen (noch nie gehört), Giele Wâldbeantsjes (wie bitte?) und Andijker Muizen (offenbar keine Mäuse, sondern kleine Kartoffeln).

Das alles ist sehr schön gestaltet, mit Fotos von Bauern auf dem Feld nebst ihren runzeligen Urgemüsen sowie hübsch krakeligen Zeichnungen versehen und kommt zum Glück ganz ohne Jamie-Oliver-Getue aus. Praktischerweise gibt es auch einen Anhang mit Adressen, bei denen man die Zutaten kaufen kann.

sterkte!

[Allgemeines]

Wenn ich die Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen an einer Alltagssituation festmachen müsste, dann würde ich mich für das Verhalten im Aufzug entscheiden. Deutsche gucken (meiner Erfahrung nach) in Aufzügen konzentriert auf ihre Schuhspitzen und probieren, auch in derart beengten Umständen möglichst nicht in die Privatsphäre des anderen einzudringen. Das kann man, je nach persönlichen Vorlieben, unkommunikativ oder rücksichtsvoll nennen.

Die Niederländer in dem Hochhaus, in dem ich wohne, neigen hingegen dazu, die Aufzugzeit mit Unterhaltungen aller Art zu füllen. Da wird schon mal ein neugieriger Blick in die Einkaufstüten des Gegenübers geworfen, um dann dessen Essgewohnheiten zu kommentieren ("Oh, echte Butter!"). Hemmungslos gibt man auch seine politische Meinung zum Besten oder redet, falls einem gar nichts anderes einfällt, eben übers Wetter. Hauptsache, es kommt keine unbehagliche Stille auf.

Auch peinlichen Situationen wird gerne mit einer ordentlichen Portion Geselligkeit begegnet. Als einer der zwei altersschwachen Pekinesen einer Nachbarin einmal ausgerechnet im Aufzug Blähungen bekam und sie direkt danach ausstieg, ich aber noch fünf lange Stockwerke durchhalten musste, drehte sie sich draußen kurz um und rief mir ein fröhliches "Sterkte!" zu (etwa: "Halt' die Ohren steif!"). Ich sah die alte Dame noch freundlich lächeln, dann schloss sich die Tür, und ich blieb allein mit dem olfaktorischen Elend zurück. Grinsen konnte ich erst, als ich ausgestiegen war.

architekt des jahres

[Architektur]

Architekturpreise gibt es wie Sand am Meer, und ihre Aussagekraft nähert sich immer mehr der von Miss-Wahlen an. Bei denen weiß man auch nie, ob ein Titel offiziell abgesegnet ist und was zu bedeuten hat oder nur im Hinterzimmer irgendeines Schützenvereins vergeben wurde.

Nun findet eine Wahl zum "Architect van het Jaar 2008" statt. Zur Auswahl stehen 8 niederländische Architekturbüros, darunter 3 große, 3 mittlere und 2 kleine. Ausgesucht wurden sie von Robert Winkel von Mei Architecten, Nachhaltigkeits-Spezialist Machiel van Dorst von der TU Delft und Bernhard Hulsman, der das Monopol auf Architekturkritik im NRC Handelsblad hat.

Dabei ist eine der lahmsten Shortlists herausgekommen, die ich je gesehen habe. Die Kategorie der mittelgroßen Büros schneidet noch ganz akzeptabel ab, aber ich musste mich wirklich zusammenreißen, um überhaupt so weit zu lesen, ohne über meiner Tastatur einzunicken. Was die Nominierten genau zum Architekten des Jahres 2008 qualifizieren soll, ist auch nach dem Studium ihrer Einsendungen völlig unklar. Zwei von ihnen waren jedenfalls auch letztes Jahr schon in der engeren Wahl. Gewonnen hat 2007 letztlich UN Studio, was ja noch ganz nett war, auch wenn UN Studio sicher nicht den zigsten Preis braucht.

Aufschlussreich ist allerdings, dass es auf der Website heißt, die Jury habe die acht Nominierten aus 24 Einsendungen ausgesucht. Ganze 24 Einsendungen bieten natürlich keine allzu breit gefächerte Auswahl, kann ich mir vorstellen. An dieser Stelle sollte man sich vielleicht fragen, ob es nicht doch ein paar Architekturpreise zu viel gibt, womit wir wieder am Ausgangspunkt angelangt wären. Oder alle Architekten ermuntern, nächstes Mal mitzumachen – denn wo gibt es sonst eine 1:3-Chance auf einen Preis?

houselife

[Architektur]

Rem Koolhaas ist ja nicht gerade als Wonneproppen bekannt. Wer ihn trotzdem mal lächeln sehen möchte, sollte sich den Dokumentarfilm Koolhaas HouseLife anschauen. Darin wird die Haushälterin Guadalupe Acedo auf ihrer täglichen Putzrunde durch die Villa in Bordeaux begleitet. Wacker schleppt sie ihren Staubsauger spitze Stahlstufen hinauf und hinab, sorgt im Vorüberfahren auf der beweglichen Plattform für Ordnung in der Hausbibliothek und kämpft mit den Tücken des Türöffnerpfostens. Das ist alles sowohl poetisch als auch sehr komisch – nicht umsonst läuft in einer Szene im Hintergrund Tatis Mon Oncle im Fernsehen.

Koolhaas taucht im Film selber gar nicht auf, dafür aber in einem anschließenden Interview, das ebenfalls auf der DVD zu finden ist. "You see here two systems colliding: the platonic conception of cleaning and the platonic conception of architecture", sagt er. Und lächelt.

houselife 

schwarzes schaf

[Kurioses]
Ganz Amsterdam hängt seit ein paar Tagen voll mit Plakaten mit diesem schwarzen Schaf in unterschiedlichen kunstvollen Posen. Vermutlich steckt dahinter irgendeine total kommerzielle Werbeaktion und erwartet mich eine große Enttäuschung, aber im Moment finde ich die Poster sehr unterhaltsam.

um gottes willen - die zweite

[Kunst]

Gestern hab ich ihn gesehen, den Schädel. Und ich muss sagen: Es hat sich tatsächlich gelohnt. Eine halbe Stunde haben wir draußen in der Schlange gewartet (was vor allem an der Flughafen-ähnlichen Sicherheitskontrolle am Eingang zum Rijksmuseum liegt), eine halbe Stunde haben wir noch einmal drinnen in der Schlange gestanden, dann durften wir in die Blackbox. Dort schwebte in einer Glasvitrine das Schädelchen und glitzerte ganz wunderbar in allen Regenbogenfarben. Der Kontrast zwischen den Diamanten und den echten, plötzlich sehr menschlich wirkenden Zähnen ist schon unglaublich. Irgendwie kann man sich der Faszination dieses Dings nicht entziehen.

hirst 

Letztlich glaube ich aber, dass es hier viel weniger um das (zugegebenermaßen sehr schöne) Objekt, sondern eher um seine Inszenierung geht. Erster Teil des Coups ist, dass es Hirst überhaupt gelungen ist, seinen Luxus-Schädel ins Rijksmuseum einzuschleusen, wo er zum temporären Nachbarn von Stücken wie Vermeers Milchmagd und Rembrandts Nachtwache geworden ist. Die einen sind durch die Zeit geadelt, der kleine Emporkömmling dagegen durch seinen Geldwert... Außerdem ist der Besucher hier eindeutig Teil des Kunstwerks. Das beginnt bereits beim Schlangestehen. In der Blackbox angekommen, drücken sich alle die Nasen an der Vitrine platt, die schon ganz voller fettiger Abdrücke ist. Jeder will so nah wie möglich an das Artefakt heranrücken. So etwas hatte ich bisher nur im Topkapi-Palast in Istanbul gesehen, wo sich die Besucher auf ähnliche Weise an eine Vitrine mit einem Barthaar des Propheten drückten. Und spätestens beim Anblick der Leute, die im Museumsshop schädelverzierte T-Shirts, Schlüsselanhänger und Basecaps kaufen, könnte einem dann wirklich ein "Oh, for the love of god..." entfahren.

Was man sich allerdings hätte schenken können, ist der Raum, in dem Hirst eine persönliche Auswahl von Werken aus der Sammlung des Rijksmuseum präsentiert. Naheliegenderweise zeigt er Vanitas-Stilleben und solche mit totem Federvieh, begleitet von völlig nichtssagenden Kommentaren. Das riecht dann doch wieder unangenehm nach hohlem Kunststarkult.

Wer For the Love of God sehen möchte, kann das noch bis 15. Dezember tun.

architektur-fünfer näher erklärt

[Architektur]
Ein Update zum Eintrag über den Architektur-Fünfer: Der Designer des guten Stücks, Stani Michiels, erklärt in seinem Weblog ausführlichst, wie der Entwurf zustande gekommen ist. Dort kann man auch lesen, was es mit der Reihenfolge der Architektennamen auf sich hat: Sie stammt schlicht aus Google! Das verleiht dem Fünfer doch gleich eine zusätzliche Dimension.

facelift für die openluchtschool?

[Architektur]

Eben flatterte mir eine Mail vom Bund Niederländischer Architekten in die Inbox. Es geht um die Openluchtschool von Jan Duiker, sicherlich eins der wichtigsten niederländischen Gebäude aus der Zeit des "Neuen Bauens". Es wird noch immer als Schule genutzt, befindet sich aber scheinbar in üblem Zustand. Das letzte Mal, als ich dort war, ist mir das ehrlich gesagt nicht aufgefallen. Ist aber auch schon eine Weile her. Man kommt dort nicht einfach so mal vorbei, wenn man auf dem Weg irgendwohin ist, denn die Schule steht ziemlich versteckt im Innenhof eines Blocks in Amsterdam-Zuid.

Wie auch immer: Heute Abend um 19.25 Uhr gibt es auf Nederland 2 die Sendung "Restauratie", bei der jeweils zwei restaurierungsbedürftige Bauten vorgestellt werden und die Zuschauer hinterher telefonisch abstimmen dürfen. Am Ende der Reihe erhält eins der vorgestellten Gebäude eine Million Euro. Heute ist die Openluchtschool dran. Konkurrent ist ein altes Bauernhaus auf dem Gelände des Keukenhof, was etwas seltsam ist, denn ein Touristenmagnet wie der Keukenhof müsste doch genug Geld für die Instandsetzung seiner Gebäude haben. Wo landen denn die Eintrittsgelder von all den Chinesen? Jedenfalls ist diese Sendung mal ein guter Grund, niederländisches Fernsehen und nicht immer nur BBC, Canvas oder Heimatsender zu gucken...

openlucht
(Foto: Wikimedia/BMA)

welstand adieu

[Architektur]

Am Freitag hat das Kabinett beschlossen, dass niederländische Gemeinden keine welstandscommissie mehr haben müssen. Dieses Beurteilungsorgan ist so etwas wie ein Gestaltungsbeirat, der bisher über die architektonischen Qualitäten von Bauprojekten wachte. Das besondere daran ist, dass die Mitglieder der Kommission selber Architekten sind, die Pläne von Kollegen unter die Lupe nehmen. Gefällt der Plan nicht, wird der Kollege wieder nach Hause geschickt und muss nochmal Hausaufgaben machen.

Umstritten war welstand schon immer, denn je nach Besetzung der Kommission kann das Urteil auch mal ziemlich geschmäcklerisch ausfallen, und manch ein Architekt hat die Instanz dementsprechend eher als Geißel denn als Freund erfahren. Andererseits war welstand immer eine der letzten Institutionen, die die Auslieferung der niederländischen Baukultur an rein kommerzielle Interessen verhinderte. Ja, ja, der Zeitgeist.

graduation galleries eindhoven masters

[Design]

Die Master-Abschlussarbeiten in Eindhoven sind allgemein etwas komplexer und abstrakter, also weniger unmittelbar zugänglich als die Beiträge der Bachelors. Dieses Jahr schien Neurose das große Thema zu sein, denn viele der gezeigten Arbeiten setzten sich mit Ticks, Phobien und Weltuntergangsszenarien auseinander.

birne
"A world in decay, vanitas of a contemporary society" von Charlotte Dumoncel d’Argence

ducky
"Conducive Trade standard/ Locally made in China" von Maxime Morel

haus
"Aromatic Fabrication" von Hung Pin Hsueh

buch
"Snack/Rituals — About the disreputable snack and the honourable ritual" von Martin Robitsch

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