|  2008-08-28
Von Anneke Bokern @ 14:09 Vom 1. November bis 15. Dezember kann man sich im Rijksmuseum in Amsterdam den berühmt-berüchtigten Diamantenschädel von Damien Hirst ansehen. Es handelt sich um einen Schädelabguss aus Platin, besetzt mit 8601 lupenreinen Diamanten, den der Künstler "For the Love of God" getauft hat.
Hirst hat die luxuriöse Totenkopfskulptur letztes Jahr geschaffen und probierte damals, sie für 75 Millionen Euro an den Sammler zu bringen. Das ist ihm nicht gelungen. Statt dessen kaufte letztlich eine Investorengruppe, zu der Hirst selber gehört, das gute Stück. Um doch noch ein bisschen was einzuspielen, geht es jetzt auf Tournee durch diverse europäische Museen. Als erstes hat das Rijksmuseum zugeschlagen. Wer findet, dass das Museum sein Geld zurückverdienen sollte, kann sich jetzt schon auf der Website eine Eintrittskarte sichern.

2008-08-27
Von Anneke Bokern @ 19:16 Kann mich mal jemand aufklären, weshalb erwachsene surinamische Männer gerne ihren Kanarienvogel mitnehmen, wenn sie einen trinken gehen? Ich fahre jeden Tag am Mercatorplein an einem surinamischen Eckcafé vorbei. Bei schönem Wetter sitzen davor lauter Männer, die ihren Kanarienvogel im Käfig dabei haben. Den stellen sie dann vor sich aufs Tischchen oder hängen ihn gar an einen Laternenpfahl. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, jemand hätte das arme Tier ausgesetzt. Gibt es eine besondere Bindung zwischen Surinamern und ihren Vögeln? Oder fahre ich zufällig immer an der Stammkneipe des Vereins Surinamischer Kanarienzüchter in den Niederlanden vorbei?
2008-08-26
Von Anneke Bokern @ 10:28 Wenn sich irgendwelche Architekten in meinem Bekanntenkreis mal für alte niederländische Gemälde begeistern können, dann geht es meist um Kirchenbilder von Pieter Janszoon Saenredam. Normalerweise braucht man ihnen mit Rembrandt, Rubens und Zeitgenossen ja gar nicht zu kommen. Alles viel zu braun, zu schwülstig und zu fleischig. Aber Saenredams strahlend weiße, aufgeräumte Kircheninterieurs treffen den modernen Architektengeschmack.
Wie stilsicher Saenredam tatsächlich war, wusste ich allerdings bisher auch nicht. Denn wie ein Wissenschaftler von der Stichting Kerkelijk Kunstbezit Nederland gestern verkündete, hat man herausgefunden, dass die niederländischen Kirchen gar nicht so aussahen wie Saenredam sie malte. In Wirklichkeit waren die Wände nicht alle geweißelt. Außerdem hingen sie voller Dekorationen, und die Böden waren mit Grabplatten gespickt. Saenredam hat ganz bewusst alles weggelassen, was seiner Meinung nach den Raumeindruck störte. Vorauseilender Lessismorismus also. Womit er den Architekten noch sympathischer werden dürfte.

Pieter Jansz Saenredam, St. Odulphus-Kirche in Assendelft (1649), Rijksmuseum Amsterdam
Foto: Wikimedia Commons
2008-08-21
Von Anneke Bokern @ 09:27 In Utrecht sind die Gemüter seit gestern sehr erhitzt. Mitte Juli war der Wettbewerb um die neue Stadtbibliothek, die bis 2012 hinter dem Bahnhof entstehen soll, entschieden worden. Aus sieben Entwürfen ermittelte die Jury unter Vorsitz des belgischen Architekten Bob Van Reeth den Plan des Rotterdamer Büros Rapp + Rapp als Gewinner. Dessen Entwurf - eine Art rechteckigen, gestauchten Backstein-Burgfried nebst Zinnen - fand man am besten. Als jedoch Leon Teunissen, Partner beim Amsterdamer Büro VMX Architects, das ebenfalls am Wettbewerb teilgenommen hatte, am Montag aus dem Urlaub kam, fiel ihm auf, dass die Gemeinde falsch gezählt hatte. Statt den Entwurf nur zu 60% in die Entscheidung einfließen zu lassen, war er zu 65% eingeflossen (die restlichen Prozente ergeben sich aus wirtschaftlichen und berufsrechtlichen Kriterien). Er rechnete nach und stellte fest, dass VMX, die vorher auf dem zweiten Platz lagen, eigentlich gewonnen haben.

Entwurf von Rapp+Rapp
Der Entwurf von VMX - eine aufgeständerte Kapsel mit skulpturalen Einschnitten und abgerundeten Ecken - war nur auf dem zweiten Platz gelandet, weil laut der Jury unter der Aufständerung ein zu wenig sicherer öffentlicher Raum entstehen würde. Rund um den Utrechter Bahnhof tummeln sich nämlich gerne Junkies und Obdachlose, und das möchte man in Zukunft ändern. Dazu wird einerseits das ganze Bahnhofsgebiet nach einem neuen Masterplan überarbeitet, andererseits soll aber auch die neue Bibliothek dazu beitragen. Gleichzeitig wird das Bibliotheksgrundstück von einer Bus- und Straßenbahnlinie gekreuzt. VMX haben sie unter die Aufständerung gelegt, Rapp quer durch das Gebäude.
Die Gemeinde Utrecht will den Rechenfehler dennoch korrigieren und VMX den Auftrag geben. Christian Rapp wird sich damit aber sicher nicht anfreunden können. Er hat bereits einen Anwalt eingeschaltet, mit dem Argument, er sei "inhaltlich der Gewinner" und habe außerdem schon eine mündliche Zusage von der Gemeinde bekommen.

Entwurf von VMX Architects
So, und jetzt kommt mein Senf. Wirklich überzeugend war eigentlich keiner der sieben Entwürfe. Das kommt davon, wenn man so viel Programm auf ein kleines Grundstück packt und dann auch noch im Wettbewerbstext ein "Gebäude mit Wiedererkennungswert", also eine Ikone fordert. Die Kapsel von VMX finde ich persönlich etwas zu objekthaft, und Räume unter Aufständerungen sind selten schön, aber gleichzeitig ist es doch etwas absurd, dass ein einzelnes Gebäude das Junkie-Problem am Bahnhof lösen soll. Mit Rapps Plan hatte sich die Jury dagegen für Nummer sicher entschieden - in sozialer, aber vor allem in architektonischer Hinsicht. Es war jedenfalls bei weitem der konservativste unter den sieben Entwürfen.
Wie auch immer: Ich finde, Regeln sind Regeln, und wenn VMX den Regeln zufolge gewonnen haben, dann haben sie gewonnen. Nach diversen Jahren in Holland ist mir aber auch durchaus bewusst, dass das eine sehr deutsche Einstellung ist. Hier werden Regeln etwas weicher und individueller interpretiert. Meistens kann man nochmal drüber reden. Schließlich ist das hier auch das Land, in dem Polizisten, wenn sie jemanden über eine rote Ampel fahren sehen, selber entscheiden dürfen, ob sie das jetzt schlimm fanden und bestrafen wollen oder nicht. Insofern hab ich schon so eine Ahnung, was bei der Sache herauskommen wird...
2008-08-20
Von Anneke Bokern @ 09:33 Der niederländische Staat plant, neun Autobahn-Panoramen unter Schutz zu stellen. Auf diesen Strecken sollen Autofahrer auch in Zukunft einen freien Blick auf Polder- und Heidelandschaften haben.
Ganz so abwegig, wie es klingt, ist das gar nicht, denn wer mal mit dem Auto durch die Niederlande gefahren ist, der weiß, worum es geht. "Ja, wie sieht's denn hier aus?" sagte ein Freund mal im selben entsetzten Tonfall, den meine Mutter früher beim Blick ins unaufgeräumte Kinderzimmer anschlug. Niederländische Autobahnen sind gesäumt von einem Durcheinander aus Autohäusern, Bürobauten und Lagerhallen. Sichtstandort nennt sich sowas und ist höchst begehrt. Der Gestaltungsbeirat der jeweiligen Gemeinde hat da meist nichts zu melden, und dementsprechend wird der Blick oft nicht nur verstellt, sondern auch noch mit den unglaublichsten Auswüchsen der Kommerz-Architektur konfrontiert. Und da dieses Land bekanntlich platt ist, kann man daran auch nicht vorbeischauen.
Aber ein wenig zweifelhaft ist diese Schutzmaßnahme schon. Landschaft ist offenbar nur als Kulisse schützenswert, die man bei 120 km/h an sich vorbeirauschen sieht (wenn man nicht gerade in einem der ewigen Staus in der Randstad rumsteht). Ich verkneife mir jetzt bewusst alle gut durchgekauten Theorien über die Niederländer und ihre gemachten Landschaften, auch wenn sie gerade sehr nahe liegen.
2008-08-19
Von Anneke Bokern @ 17:38 Nein, ich bin nicht so still, weil ich keine Lust zum Schreiben habe. Es ist einfach so still in Amsterdam. Komkommertijd, also Sauregurkenzeit vom feinsten. Dabei sind die Sommerferien vorbei. Selbst die Schule hat gestern wieder angefangen. Aber mir scheint, alles hängt, sofern das Wetter es zulässt, am Strand rum und wartet auf das große Einläuten der Kultursaison beim Uitmarkt am 30./31. August. Und in Designkreisen geht das Leben sowieso erst im September los, aber dann wird es ein heißer Herbst. 18.9. bis 2.11.: Experimentadesign in Amsterdam, 17. bis 26.10.: Interieurbiennale in Kortrijk (na gut, das ist nicht um die Ecke, aber immerhin im selben Sprachgebiet), 18. bis 26.10.: Designweek in Eindhoven. Ach ja, und dann findet auch noch in Rotterdam vom 13.-20.9. die 10. Docomomo-Konferenz statt. 2008-08-11
Von Anneke Bokern @ 18:00 Hier sind endlich die versprochenen Caracas-Fotos. Das Auswählen ist mir ziemlich schwer gefallen...

Stadtkulisse Caracas.

Sehr venezolanisch: "Das beste an der Kuh ist das Barbecue".

Werbeplatz ist auf der kleinsten Hütte.

Auf dem 2500 m hohen Berg Ávila wacht das verlassene Hotel Humboldt (1957) über Caracas.

Unbestrittenes Archi-Highlight: Der Unicampus (1947-70) von Carlos Raúl Villanueva, hier ein Léger-Wandbild auf einem überdachten Platz...

...und hier das Innere der Aula Magna, mit Akustikreflektoren von Alexander Calder.

Mindestens genauso gut: die Quinta El Cerrito von Gio Ponti (1958).
Und zum Schluss noch ein kleiner Nachtrag zu "citzen m/hvdn/h&dm":

Ein Werk von Jesús Soto, entstanden 1952, heute im gleichnamigen Museum in Ciudad Bolívar. Womit die Frage "Wäär hat's erfunden?" wohl geklärt wäre.
Von Anneke Bokern @ 17:21 Seit Februar gibt es am Overtoom einen neuen Laden namens Marqt, den ich mir soeben endlich mal angesehen habe. Marqt will eine Alternative zu Supermarkt oder Bioladen sein und bietet "frische Produkte mit eindeutiger Herkunft" an, die von den Herstellern direkt angeliefert werden. Ich hatte mir darunter so eine Art Bio-Markthalle vorgestellt, mit vielen holländischen Regionalprodukten. Damit lag ich aber eher daneben. Gut, es gibt unter sechs Tomatensorten auch eine Bio-Kiste, und an ein paar Dingen steht "aus der Region" dran. Aber für meinen Geschmack gehen die zu sehr zwischen dänischen(!) Bananen, thailändischen Garnelen und französischem Käse unter. Eigentlich ist es nur sowas wie ein großer Delikatessenladen.
Was die Betreiber von Marqt aber durchaus sehr richtig machen, ist das Interieurdesign und die Produktpräsentation. Wer mal sehen will, wie man einen Supermarkt so gestaltet, dass jeder halbwegs vernünftig verdienende urbane Kreative sofort sein Freitag-Portemonnaie zückt, sollte sich diesen Laden anschauen. Schön schlicht, mit viel Metall, rauhem Holz und Tafelfarbe an den Wänden. Sogar die Milchkartons sind schick minimalistisch. Fotos gibt es hier – ich hätte ja selbst geknipst, aber das ist doch tatsächlich verboten. Ach ja, und an der Kasse kann man nur mit Plastik zahlen.
Das Konzept wird zweifellos aufgehen. Ich bin mal gespannt, wieviele Marqt-Filialen es in fünf Jahren in Amsterdam gibt. Selber werde ich aber doch lieber weiterhin samstags auf den Noordermarkt gehen, glaube ich.
Von Anneke Bokern @ 10:03 Noch bis 16. August gibt es jeden Abend kostenlose Freiluft-Filmvorführungen auf dem Stenen Hoofd in Amsterdam. Die Filme, die beim jährlichen Festival Pluk de Nacht gezeigt werden, sind eher von der obskuren Sorte, aber der Ort ist großartig: eine kleine Halbinsel im IJ zwischen Westerdok und Silodam, voller schrottiger Hüttchen, Bauwagen, etc. Ab 16 Uhr ist das Gelände geöffnet, und sobald es dunkel wird (also nicht vor 21.30 Uhr), beginnen die Vorführungen. Bei schönem Wetter sollte man frühzeitig einen Liegestuhl besetzen und die Wartezeit mit Cocktails füllen.

2008-08-06
Von Anneke Bokern @ 12:56 Ich bin aus dem Urlaub zurück und werde hier bald ein paar Perlen der venezolanischen Architektur präsentieren.
Vorher aber mal wieder eine kleine Geschichte über das kikkerlandje, in dem ich wohne (wörtlich: Froschländchen, also: winziges Land, also: Niederlande). Neulich stand ich am Flughafen Schiphol vor dem internationalen Zugfahrkartenschalter und wartete. Ein sehr junges amerikanisches Rucksacktouristen-Pärchen, das offenbar gerade aus dem Flieger kam, reihte sich hinter mir ein, sah aber ziemlich ratlos aus. Nach ein paar Minuten sprachen sie mich an:
Er: "Excuse me, what is this line for?"
Ich: "For buying international train tickets."
Er: "What do you mean by 'international'?"
Ich: "Tickets for going abroad."
Sie: "Where can you go?"
Ich: "Well, Belgium, France, Germany, wherever..."
Er: "And in which country is Amsterdam Central Station?"
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