enschede-roombeek

[Architektur]

Vor acht Jahren ist im Stadtteil Roombeek der ostniederländischen Stadt Enschede eine Feuerwerksfabrik explodiert. Dabei wurde fast ganz Roombeek in Schutt und Asche gelegt. Jetzt nähert der Wiederaufbau sich seinem Ende - und ich habe mir das ganze letzte Woche mal angesehen.

Nach einem Masterplan von Pi de Bruijn/de ArchitektenCie ist in Roombeek ein neues Viertel entstanden, das ehrlich gesagt ziemlich deutsch wirkt: Es besteht zu weiten Teilen aus freistehenden Einfamilienhäusern mit Gärten, deren Bauherrn sich selber einen Architekten suchen durften, was in den Niederlanden immer noch eher ungewöhnlich ist. Dabei sind, wie das dann eben so ist, Häuser in allen möglichen, aber vorwiegend eklektischen Stilrichtungen herausgekommen.

In den niederländischen Medien ist Roombeek zur Zeit großes Thema. Bebildert wird das meist mit der einzigen Häuserzeile, die doch sehr modern und typisch niederländisch wirkt:

reihenhaeuser

Dabei sieht vieles dort eher so aus (man beachte das Schild rechts neben der Tür!):

anno2005

Meine persönliche Lieblingsentdeckung: Ein Reihenhaus mit sehr hübsch grün glitzernder Fassade.

gruen

Zu den bekannteren Bauten in Roombeek gehört das Gesundheitszentrum Eekenhof von Claus en Kaan. Den Architekten ist das Kunststück gelungen, ein Gebäude zu entwerfen, das die grassierende Retro-Vorliebe bedient, ohne dabei allzu nostalgisch zu wirken. Wie man das architektonisch einordnen soll? Vielleicht als "Amsterdamer Schule auf Steroiden".

claus

panorama

Ein paar Meter daneben (siehe Foto oben) steht meiner Meinung nach das bisherige Highlight von Roombeek, nämlich der sogenannte Kulturcluster von SeArch. Die ziemlich drastisch umgebaute Textilfabrik beherbergt ein natur- und regionalhistorisches Museum, Ateliers, ein Café und einige Reihenhäuser. Ihr neues Bürotürmchen mit wunderschön im Wind schwingender Metallnetz-Fassade ist schon von weitem sichtbar:

turm

Von der alten Fabrik sind nur ein Packhaus, ein Magazingebäude, eine Bürovilla und die östliche Außenmauer übrig geblieben. Hinter dieser Mauer verschwinden die neuen Reihenhäuschen wie hinter einer potemkinschen Kulisse:

kulisse

schornstein haeuser

Das Museum selbst befindet sich im alten Packhaus und in einem bananenförmigen Neubau, dessen Foyer eine schicke Lederbank ziert. Ob SeArch da eine schönere Version von Jean Nouvels schweinslederner Wand/Bank im Musée du Quay Branly anfertigen wollten? Oder ist das Zufall?

sofa

popokleid im rijksmuseum

[Design]

Das Rijksmuseum hat einen neuen Direktor. Wim Pijbes heißt er, leitete vorher die Kunsthal in Rotterdam und machte dort Furore mit einem recht, sagen wir mal, breit gefächerten Kunstbegriff. Unter seiner Ägide reichten die Ausstellungsthemen von Stilleben des Goldenen Zeitalters über Charlie Chaplin bis hin zu Playboy-Fotografie.

Auch in seinem neuen Job hat er gleich mal klargestellt, worauf man sich mit ihm einlässt. Als erste Amtshandlung hat er ein Werk für die Modesammlung des Rijksmuseum angekauft, die bislang vor allem züchtige Kleider aus dem 16.-19. Jahrhundert umfasst. Jetzt ist sie um ein Frühwerk der Dessous-Designerin Marlies Dekkers reicher, das in Holland als "blote-billen-jurk" ("Nackter-Popo-Kleid") bekannt ist. "In all seiner Einfachheit ist dieses Kleid ein wichtiger Exponent der niederländischen Kultur", sagt er. "Es basiert auf einer einzigen, starken Idee, die mit einem Schlag ein radikal neues Bild erzeugt, ähnlich wie der Rietveld-Stuhl oder Werke von Mondrian." Da bin ich aber mal gespannt, ob es demnächst neben der Nachtwache oder Vermeers Milchmagd zu sehen sein wird.

dekkers
Foto: Kunsthal

citizen m/hvdn/h&dm

[Architektur]
Wäär hat's erfunden? Über zehn Jahre nach Herzog & de Meuron haben die Niederländer nun offenbar die quadratische, leicht gekippte, geschosshohe Fensterscheibe entdeckt. Zum Beweis: ein Wohnblock von HVDN in Amsterdam-Oost sowie ein nagelneues Kapselhotel von Concrete am Flughafen Schiphol.

bbc demontiert albert-heijn-werbung

[Kurioses]

"They play football with such artistry, but this is such cheese..."

ah

Wo sie recht haben, haben sie recht. Einzige falsche Beobachtung: "Other Dutch supermarkets are available." Ich wollte schon immer mal einen Stadtplan von Amsterdam in Supermarkt-Reviere unterteilen. Die gesamte Amsterdamer Innenstadt wäre ausnahmslos blau mit weißen AH-Zeichen. Außerhalb der Stadhouderskade könnte stellenweise auch rot-weißes Dirk-Design und ein klein bisschen Super de Boer und Edah auftreten. Aber erst jenseits des Autobahnrings schwindet die AH-Vormacht ernsthaft.

In diesem Sinne hier noch ein Link zu einem sehr lustigen Auftritt des englischen Komikers John Fealey im holländischen Fernsehen.

kunst im grünen

[Kunst]

Diesen Sommer könnte man in den Niederlanden ohne Unterlass von einem buitenkunst-Event zum nächsten hoppen. Ich glaube, es wird hier demnächst kaum noch einen Park geben, der nicht voller Skulpturen steht. Hier eine Liste zum Abarbeiten:

  • Am renommiertesten ist auf jeden Fall die Skulpturenausstellung im Park Sonsbeek in Arnheim. Ich sage nur: Rietveld und Aldo van Eyck. Dieses Mal steht sie unter dem sehr schön unniederländischen Motto "Grandeur" und läuft vom 13.6. bis 21.9. Mit dabei sind Werke von u.a. Eylem Aladogan, Steiner & Lenzlinger, Marijke van Warmerdam, Michel François und Tomas Saraceno.
  • Dann wäre da noch die Skulpturenausstellung Wanderland im barocken Lustgarten De Oude Warande in Tilburg, organisiert von der Fundament Foundation. Die Betonung liegt dieses Mal laut den Organisatoren auf "dem Grotesken und  Vergänglichen". Klingt gut. Dabei sind u.a. David Altmejd, José Damasceno, Subodh Gupta, Paul McCarthy, Jonathan Meese, Jens Pfeifer und Erwin Wurm. 28.6.-28.9.
  • In Apeldoorn findet außerdem die Internationale Triennale für Garten- und Landschaftsarchitektur statt. Thema 2008: "Erinnerung und Transformation". 11.6.-28.9.
  • Auch im Fort Asperen bei Leerdam passiert diesen Sommer mal wieder was. "Dichter op de Huid" heißt die Veranstaltung, die die Rolle der menschlichen Haut in Kunst, Philosophie, Design und Wirtschaft erkunden soll. Welche Künstler genau vertreten sind steht nicht auf der Website, aber ein Ausflug zur Fortruine lohnt sich sowieso immer. 13.6.-21.9.
  • Nicht wirklich draußen, aber sicherlich auch interessant ist die Ausstellung Infiltrate the City im Medialab Enschede, mit Arbeiten von u.a. Martijn Sandberg und John Körmeling. Es geht um das Verhältnis von Kunst und Städtebau. Bei der Gelegenheit kann man sich auch gleich noch den gerade fertiggestellten Stadtteil Roombeek sowie den neuen Kulturcluster von SeArch ansehen. 19.6.-13.7.

dutch design basel

[Design]

Achtung, jetzt kommt eine Lobhudelei. Auf der Design Miami Basel ist mir letzte Woche nämlich mal wieder bewusst geworden, wie gut niederländisches Design ist. Wenn man hier wohnt, nimmt man ja vieles als Selbstverständlichkeit hin. Die hübsch gestalteten Briefmarken und Milchkartons, die guten Postergrafiken, die Droog-Design-Vasen in den Fenstern von Grachtenhäusern. Eigentlich ist das Alltag. Und dann geht man durch so eine Messehalle voller superteurer Designstücke und merkt plötzlich, dass die wenigen zeitgenössischen Objekte, die mit der Anziehungskraft von Prouvé-Stühlen und Paulin-Sofas mithalten können, meistens von Niederländern stammen. Nicht dass sie ebenso klassisch formschön wären, aber sie haben wenigstens Humor und sind nicht nur protzige Formspielereien. Woran das liegt? Sicherlich an der Konzeptualität, die im niederländischen Design seit Droog sehr hochgehalten wird. Und an der Abneigung der Niederländer gegenüber allem allzu Geleckten und Eleganten. Vielleicht aber auch an den Subventionen, dank derer sie nach Herzenslust mit aufwändigen Auflagestücken experimentieren können, auch wenn sie noch nicht so etabliert sind wie Ron Arad oder Zaha Hadid.

Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass ich über eine Exklusivmesse gegangen bin, auf der die Exponate irgendwo zwischen Design und Kunst pendeln. Meiner Meinung nach meistern die Niederländer diesen Drahtseilakt mit Bravour. Andererseits frage ich mich schon manchmal, ob es nicht gesünder wäre, wenn die Nachwuchstalente dieses Landes nicht direkt von der Design Academy in die Design-Galerien flutschen würden. Wären ein Joris Laarman oder ein Jeroen Verhoeven überhaupt imstande, einen guten, günstigen Gebrauchsgegenstand für die Massenproduktion zu entwerfen? Und bedeutet das nicht vielleicht, dass das vielgepriesene Dutch Design gerade auf dem besten Wege ist, zum Kunsthandwerk zu werden?

Brad Pitt juckt das jedenfalls nicht. Er hat eine Lampe von Atelier van Lieshout und einen Cinderella-Tisch aus hauchdünnem Marmor von Jeroen Verhoeven/Demakersvan erstanden. Hup Holland!

cinderella
Brads neuer Tisch (Carpenters Workshop Gallery, London)

rioji ikeda in amsterdam

[Kunst]
Vorgestern Abend fietste ich nach dem Genuss von Fußballspiel und Grillgut entlang der Oostelijke Handelskade nach Hause und wunderte mich: Auf der Spitze des Java Eiland ragte ein breiter, weißer Lichtstrahl in den Himmel. Es waren aber weder ein Festival noch ein Zirkus in Sicht, die ihn hätten erklären können. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass er ein Werk von Rioji Ikeda ist und zur Veranstaltung Dream Amsterdam 2008 gehört. Offenbar finden sich die Lichtinstallationen bis 21. Juni an verschiedenen Orten in der Stadt, und am letzten Abend gibt es auf dem Java Eiland auch noch eine Klanginstallation von Ikeda zu hören.

koolhaas-käse

[Architektur]

Nachdem ich letzte Woche auch das amüsante Scheich-Jogging mit Rem bei Vitra beobachten durfte (und die Meinung meines Zürcher Blogkollegen über die Ausstellung teile), erreichte mich gestern die Meldung, dass Koolhaas endlich mal wieder einen großen Auftrag in seinem Heimatland bekommen hat. In der Innenstadt von Rotterdam soll er etwas bauen, was die lokale Presse sofort liebevoll "de kaas van Koolhaas" getauft hat. Grund dafür sind die großen, rundlichen Löcher im Baukörper. Es könnte aber auch am löchrigen Programm des Gebäudes liegen, denn was genau in diesem Glaskubus stattfinden soll, scheint noch eher unklar. Gut, seine Funktion wird überall als "wohnen, arbeiten, shoppen" angegeben, aber das ist natürlich nicht mehr als ein Blankoscheck.

koolhaas

Vor allem lässt es sich eigentlich auch in den existierenden Bauten im Rotterdamer Zentrum wohnen, arbeiten und shoppen. Der Neubau soll denn auch nicht errichtet werden, weil ein Gebäude fehlt, sondern weil das Image schwächelt. Die Rotterdamer Innenstadt steht im Ruf, dass dort nach Ladenschluss alle Bürgersteige hochgeklappt werden, und man will dringend mehr gut situierte Bewohner anziehen. Also muss eine Ikone her. Insofern ist Koolhaas' Käse wohl doch sehr funktionsgerichtet, nur eben auf einer anderen Ebene.

strandhäuser in domburg

[Drumrum]

slaapzand

Diese hübschen, nagelneuen Strandhäuschen habe ich am Wochenende in Domburg (Zeeland) entdeckt. Normalerweise stehen an niederländischen Stränden ja nur Reihen aus Holzkabinen ohne Wasseranschluss, in denen man nicht mal übernachten, sondern nur seine Strandutensilien unterbringen darf (siehe linker Bildrand). Keine Ahnung, wie der Investor die Gemeinde dazu überreden konnte, diese Häuser zu genehmigen. Ansehnlich sind sie jedenfalls. Außen eine simple graue Trespaplatten-Fassade, davor eine Fensterfront und Terrasse, die genau in Richtung Strand/Meer/Sonnenuntergang ausgerichtet sind. Drinnen ein rundum weißer Raum mit Küchenzeile und Schlafsofa, ein Bad und unterm Dach noch ein niedriges Schlafgeschoss. Wo bleibt der Wallpaper-Artikel? Buchen kann man die Häuser bei http://www.slaapzand.nl.

slaapzand 2

slaapzand 3