amsterdam weekly zu kaufen

[Kultur]

Über die englischsprachige Gratis-Wochenzeitung Amsterdam Weekly habe ich hier schon einmal berichtet. Sie liegt an zahlreichen Orten in Amsterdam aus, enthält durchaus lesenswerte (wenn auch manchmal etwas lange) Artikel und vor allem einen Veranstaltungskalender, der auch Besuchern zugänglich ist, die des Niederländischen nicht mächtig sind. Obendrein hat sie diverse Preise für ihr Grafikdesign gewonnen.

Nun könnte es ihr allerdings an den Kragen gehen. Offenbar sind die bisherigen Investoren kurzfristig abgesprungen, und Herausgeber und Redaktion mussten einen letzten, verzweifelten Rettungsversuch starten, damit das Weekly keinen leisten Tod stirbt. Die Rettungsaktion steht unter dem Motto "Amsterdam Weekly for Sale". Jede Seite wurde in 204 Quadrate unterteilt, die man für 5 Euro pro Stück kaufen kann. Gedruckt wird nächste Woche nur, was verkauft ist.

Bisher sind gerade einmal 3% finanziert, es könnte also ein ziemlich fragmentarisches, weißlastiges Blatt werden. Also: Kauft, Leute, kauft! Neben dem guten Gefühl, das schon beim Kauf von 1 Block entsteht, gibt es für den Kauf von 3 Blöcken auch noch eine Party-Einladung und ab 10 Blöcken zusätzlich ein T-Shirt.

weekly

studenten statt beamte

[Kurioses]

Unorthodoxe Lösungen für gesellschaftliche Probleme sind eine Spezialität der Niederländer. Wird anderswo lange diskutiert, theoretisch abgewogen und Expertenrat eingeholt, tendiert man hier zu schnellen und pragmatischen Maßnahmen. Mal läuft so etwas auf einen Schlag ins Wasser hinaus, mal ist es von unmittelbarem Erfolg gekrönt.

In diesem Sinne hat die Stadt Amsterdam nun beschlossen, ein Team aus 24 Studenten an eine Reihe von Problemen zu setzen, bei denen die Beamten nicht weiter wissen. Konkret geht es um die schlechte Integration ausländischer Frauen in Amsterdam-Noord, herumhängende Jugendliche in Oost, die schmierige Gastronomie am Damrak und die ungemütlichen Unorte unter den Autobahnviadukten in Nieuw-West.

Mal schauen, was den Studenten dazu einfällt. Ich weiß spontan vier Beispiele, bei denen unkonventionelle Maßnahmen in Amsterdam prima funktioniert haben:

  1. In den Zügen zum Strand von Zandvoort gab es früher oft Ärger mit marokkanischen Jungs, die im Sommertaumel über die Stränge schlugen. Die Schaffner trauten sich nicht, sie zu bändigen. Abhilfe haben ältere marokkanische Herren geschaffen, die beauftragt wurden, tagsüber in den Zügen mitzufahren. Sie brauchen gar nichts zu tun: Allein durch ihre Präsenz herrscht schon Ruhe.
  2. Im Schwimmbad bei mir um die Ecke gab es ebenfalls Probleme mit ausländischen Jugendlichen. Als man einigen der anstrengendsten unter ihnen kurzerhand je ein Walkytalky in die Hand drückte, eine Uniform anzog und sie bat, die anderen zur Ordnung anzuhalten, lösten sich die Probleme in Luft auf.
  3. Polizisten haben früher (jetzt leider nicht mehr) bei Fahrradlichtkontrollen batteriebetriebene Lampen verkauft. Statt einer Strafe zahlte man 20 Gulden und erhielt sofort zwei funktionsbereite Lämpchen dafür.
  4. Rund um manche Parks gab es früher oft Ärger, weil sie nachts Treffpunkte für Homosexuelle auf der Suche nach schnellem Sex waren. Freilaufende schottische Hochlandrinder haben sich als wirkungsvolle Abschreckungsmaßnahme erwiesen.

edwin zwakman im huis marseille

[Kunst]

Im dichten Schneetreiben verschlug es mich am Ostermontag ins immer wieder schöne Huis Marseille in der Keizersgracht. Dort läuft gerade eine Ausstellung mit Werken des niederländischen Fotografen Edwin Zwakman, die den höchst passenden Titel "Fake but Accurate" trägt.

Zwakmans Fotos zeigen niederländische Alltagstristesse. Strommasten auf dem Polder, Plastikstühle im Reihenhaus-Garten, Zimmertüren in leeren Wohnungen, Hochhausfassaden. Bei näherem Hinsehen stimmt aber irgendwas nicht. Wieso sehen die Grünkohl-Reihen so schwammig aus? Wieso sind die Fensterscheiben so komisch wellig? Der Grund versteckt sich im Ausstellungstitel. Zwakmans Fotos zeigen keine niederländische Realität, sondern liebevoll gebastelte Modelle. Bis ins kleinste Detail baut er Einkaufswagen, Bananenkisten, Landschaften und Gebäude nach und verlässt sich ansonsten darauf, dass der Betrachter sowieso immer genau das sieht, was er sehen will. Eine großartige Ausstellung – aber besser nur hingehen, wenn man nicht gerade den Niederlande-Frust hat. Denn letztlich ist es natürlich doch die niederländische Realität, die Zwakman abbildet. Bis 25.5.

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Edwin Zwakman, Fly-Over III, 2003

3things
Edwin Zwakman, 3 Things, 2007

ontbijt
Edwin Zwakman, Ontbijt II, 1997

koen vanmechelens kosmopolitische hühner

[Kunst]

Ostern in den Niederlanden und noch nichts vor? Dann würde ich das Osterbrunch im Museum Het Valkhof in Nijmegen empfehlen. Dort läuft gerade die Ausstellung "Het appèl van de kip" (Der Ruf des Huhns). Im Zentrum steht der belgische Künstler Koen Vanmechelen, der seit einigen Jahren versucht, im Rahmen seines Cosmopolitan Chicken Project das perfekte Bastard-Huhn zu züchten. Eine Promenadenmischung also, die gerade durch ihre multinationale Genmixtur kräftiger, intelligenter und schöner ist als jedes Rassehuhn. Inzwischen ist er bei der zehnten Generation angekommen und hat dem Mechelse Auracana unlängst einen Denizli Longcrower aus der Türkei beigemischt. Alle Hühner, die das Erwachsenenalter erreichen, werden liebevoll auf einem Porträtfoto festgehalten. Im Kochtopf landet keins. Statt dessen hat Vanmechelen in Belgien ein Altersheim für seine Kosmopoliten eingerichtet.

Beim Osterfrühstück am 1. und 2. Ostertag ab 12.30 Uhr ist der Künstler persönlich anwesend. Gereicht werden natürlich Eierprodukte und Biohuhn-Gerichte.

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Mechelse Giant und Mechelse Longcrower.
Courtesy Koen Vanmechelen und Deweer Art Gallery, Otegem, Belgien.

Kreiselndes Kreisel-Haus

[Kunst]

Von den Werken des Künstlers John Körmeling bin ich immer wieder hin- und hergerissen. Mal finde ich sie albern bis ärgerlich, wie etwa den niederländischen Pavillion für die Expo 2010, dessen Bau Ende des Jahres in Peking beginnt. Dann muss ich wieder laut lachen, wie bei seinem neuesten Werk in den Niederlanden: einem Haus auf einem Verkehrskreisel in Tilburg, dass sich gaaanz langsam um den Kreisel dreht. Es ist ein lebensgroßes Reihenhaus, wie sie zu Millionen in den Niederlanden stehen. Eine typische "doorzonwoning" von der Sorte, die vor allem in der Nachkriegszeit gebaut wurde. Und sogar der Vorgarten dreht sich mit. Alle 20 Stunden absolviert das Haus eine Runde.

Dass das für viel Aufregung gesorgt hat, kann man sich vorstellen. Man findet das Kunstwerk hässlich und teuer. Stünde es als Wohnhaus auf einer Immobilienwebsite, wäre es dagegen morgen verkauft...

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Im Bau: das drehende Haus auf der Hasseltrotonde in Tilburg.
Foto: Stinkfinger Producties

tobias rehberger

[Kunst]

Jetzt habe ich die Rehberger-Ausstellung im Stedelijk Museum auch endlich gesehen, und ich war nicht enttäuscht. Eigentlich ist es weniger eine Ausstellung als eine einzige große Installation aus Rehbergers Skulpturen und Objekten, die irgendwo zwischen Kunst, Design und Architektur herumschubbern. Das Licht im Saal hat Rehberger so ausgerichtet, dass die Gegenstände ihre Schatten auf die lange Wand dahinter werfen. Dann hat er den Schattenwurf mit einigen Zeichnungen ergänzt – und fertig ist das flüchtige Wandgemälde. Aus alt mach neu. Oder wie er es selber nennt: The-chicken-and-egg-no-problem-wallpainting.

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Fotos: Gert Jan van Rooij, Amsterdam