studio hergebruik/superuse

[Design]

Im Produktdesign ist die derzeitige Green-Guilt-Welle ja eigentlich noch sehr wenig zu spüren. Während umweltfreundliches Bauen ein allgegenwärtiges Thema ist, sind solche Gedanken bisher kaum in den kleineren Maßstab vorgedrungen, wie man zum Beispiel auf der Möbelmesse in Köln mal wieder feststellen konnte. In den Niederlanden gibt es aber immerhin zwei Initiativen, die Recycling im Design propagieren, wenngleich nicht allzu bierernst: Studio Hergebruik und Superuse. Bei ersterem geht es mehr um reines Produktdesign, bei zweiterem auch um Architektur. Jedenfalls lohnt es sich, sich auf beiden Websites mal umzusehen, denn Spaß machen die vorgestellten Objekte auf jeden Fall – auch wenn einige noch ein bisschen nach Kunst-Leistungskurs aussehen.

drjung
Dr. Jung's Dreamhouse
von Pjotr Müller, Kröller Müller Museum, Otterlo

postsack
Postsack-Stuhl Post Modern von Marlene den Dekker

chandelier
Lampe ChanDelier aus CD-Hüllen, von Josh Owen

nagelneue schlossruine

[Architektur]

Wer von Amsterdam nach Almere fährt, sieht kurz vor der Stadtgrenze eine Schlossruine stehen. Eine Schlossruine? Das hier ist doch Flevoland, ein erst vor einigen Jahrzehnten angelegter Polder? Hier war doch früher nur Wasser? Und wieso ist die Ruine aus Beton?

Kasteel Almere war einmal der Traum eines Projektentwicklers. Es sollte der rationalen Polderstadt geben, was ihr fehlt: Romantik. Man sollte dort heiraten, übernachten und Konferenzen abhalten können, in total echtem Mittelalter-Ambiente. 2000 begann der Bau, aber schon bald erwies sich das Projekt als viel teurer als zunächst gedacht. 2002 wurden die Arbeiten stillgelegt. Seither steht eine pseudo-historische Bauruine neben der Autobahn A6.

Vor kurzem kam wieder einmal ein Investor mit neuen Ideen für das Bauwerk. Aber die Stadt Almere hat sie abgelehnt, denn sie möchte, dass das Gebiet eine "grüne, offene und ländliche Ausstrahlung" erhält. Um das nochmal zu rekapitulieren: Auf dem künstlichen Land steht ein künstliches Schloss, das zur echten Ruine geworden ist, sich aber auf Dauer in die künstliche Natur und Ländlichkeit einfügen soll. Vielleicht sollte man dann am besten dem Verfall etwas nachhelfen und die Ruine mit ein paar gezielten Eingriffen noch ruinöser machen, entsprechend der Vorstellung von einem wildromantisch verfallenen Schloss? Wie wäre es mit Plastik-Efeu?

schloss
Kasteel Almere, Foto: M.P. Tillema/Wikipedia

Utrecht mit weltkulturerbe?

[Kultur]

Schon ewig möchte Amsterdam für seine Altstadt ein Plätzchen auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO ergattern. Geklappt hat's bisher allerdings nicht. Da hilft es auch nicht, dass man zum Beispiel schon seit Jahren keine neuen Dachterrassen mehr in der Innenstadt anlegen darf, weil diese das Stadtbild beeinträchtigen könnten. Im übrigen dürfte das neue Giga-Wohnungsbauprojekt Westerdokseiland, das sich am Ende der Prinsengracht ziemlich rücksichtslos ins historische Bild schiebt, noch viel weniger förderlich für dieses Ziel sein. Jedenfalls wurde der offizielle Antrag gerade mal wieder aufgeschoben.

Und schwupp – schon steht die Konkurrenz bereit. Utrecht will sich mit seinem mittelalterlichen Hafenkomplex, also den lauschigen Lagerkellern an der Oude Gracht, um einen Platz auf der Liste bewerben. Keine blöde Idee, da dieser Kanal ja ohnehin schon 1988 im trashigen Kultthriller Amsterdamned als echte Amsterdamer Gracht verkauft wurde. Vielleicht ist Utrecht einfach das bessere Amsterdam? Gießt man das Zentrum von Utrecht in Aspik, könnte Amsterdam wenigstens eine lebendige Stadt bleiben.

amster
Amsterdam? Utrecht? Egal, Hauptsache Weltkulturerbe.

wettkampf der niederlande

[Kurioses]

Niederländer und Flamen verbindet neben Pommes, Nieselregen und einer ansatzweise übereinstimmenden Sprache auch eine innige Hassliebe. Die kann man jetzt im Onlinespiel "De strijd der lage landen" (Wettkampf der Niederlande) ausleben. Dabei muss man sich zunächst einmal für eines der beiden Lager entscheiden. Dann bricht man entweder als Kronprinz Willem Alexander in seiner goldenen Kutsche oder als Prinz Laurent in seinem legendär teuren Sportwagen zur Eroberung des Nachbarlandes auf. Bonuspunkte gibt es für das Einsammeln von Fritten und Bier einerseits, Holzschuhen und Haschblättern andererseits. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass auch Angela im Dienst-Audi hinzustößt und das Prinzgespann nach Deutschland reist, um Bratwürste und Weißbier einzusammeln.

UNstudio bei der imm köln

[Design]

"UNStudio has generated an ‘urban masterplan’, based on the hall as a cityscape with its own grid of roads. Within this grid, different ‘streets’ of variable widths are colour-coded, resulting in the clustering of identifiable themes and groupings of stands. (...) This differentiation of appearances contributes, like street facades in a city, to the identity of the ‘public realm’. The aim is to create a cohesive whole for the layout of the fair, whilst providing different kinds of impressions thereby assisting and encouraging the movement of flows around the displays, similar to moving between neighborhoods in a city."

So weit die Pressemitteilung von UNStudio zu ihrem Design für Halle 11 bei der diesjährigen Möbelmesse in Köln. Als das letzte Woche in meine Inbox flatterte, klang es recht interessant. Als ich vorgestern bei der Messe war, entpuppte es sich als Luftnummer. Oder genauer gesagt: als ziemlich entsetzliche Auslegeware in mehreren Farbkombinationen, an manchen Stellen als Tapete weitergeführt, sonst nix. Als ein Besucher hinter mir über eine Falte im frisch verlegten Teppich stolperte, hörte ich jemanden spötteln: "Vorsicht, fall' nicht über die urbanen Strukturen!".

teppich teppich 2

teppich mit tuer teppich 4

nummer acht

[Kunst]

Momentan ist sowohl im Centraal Museum in Utrecht als auch in De Hallen in Haarlem der wunderschöne Film "Nummer 8" von Guide van der Werve zu sehen. Der Untertitel lautet: "Everything is going to be alright". So ganz mag man das nicht glauben, wenn man beobachtet, wie der Künstler über Packeis läuft und dabei von einem riesigen Eisbrecher verfolgt wird. Aber vielleicht geht er auch nur mit seinem dicken Freund spazieren? Im Pressetext wird das Werk – sehr treffend, wie ich finde – irgendwo zwischen Caspar David Friedrich und Bas Jan Ader eingeordnet. Einen Youtube-Link mit einem Ausschnitt gibt es auch, wobei ich den nur bedingt empfehlen kann, denn dieses ruckelige, pixelige Fragment kann dem echten Fillm nun wirklich nicht gerecht werden.

nummer acht

kuhfotograf

[Kunst]

Was haben die Schweiz und die Niederlande gemeinsam? Viele Kühe. Eine gute Rechtfertigung, um in diesem fastschweizer Weblog ein nicht mehr ganz neues, aber dafür sehr amüsantes Filmchen des Amsterdamer Fotografen Hans van der Meer zu bringen (bekannt geworden durch sein Fußballfelder-Projekt), das den mühseligen Job eines Kuhfotografen dokumentiert.

kuh 

brad pitt und mvrdv

[Architektur]

Neben internationalen Starchitekten wie Shigeru Ban und Thom Mayne dürfen auch MVRDV ihr Scherflein zu Brad Pitts neuem, wohltätigen Wiederaufbauprojekt in New Orleans beitragen. Im Rahmen seiner Initiative Make it Right hat er die niederländischen Architekten beauftragt, eine Reihe von Häusertypen für eine neue Wohnsiedlung zu entwerfen. Sie sollen jeweils zum Preis von 90 000 Euro auf den Markt gebracht werden.

mvrdv

Das ist für MVRDV natürlich mal wieder ein gewaltiger Mediencoup. Die Nachricht ging durch alle niederländischen Zeitungen, durchs Fernsehen, Radio, ja sie erschien selbst auf News-Monitoren in den Amsterdamer Straßenbahnen. Gestern Abend war Winy Maas dann zu Gast in der Talkshow Pauw & Witteman des Fernsehsenders VARA. Dort stellte er seine Entwürfe vor – langgezogene Standardhäuschen, die mit ihrer archaischen Form etwas an das Hageneiland-Projekt in Ypenburg erinnern, aber als Schutz vor zukünftigen Überflutungen gekippt oder aufgeständert sind – und plauderte über seine Begegnungen mit Brangelina. Angesichts so viel prominenter Aufmerksamkeit für ein Architekturbüro aus den kleinen Niederlanden, war Paul Witteman sichtlich gerührt. Zum Abschluss entglitt ihm gar ein salbungsvolles: "Wir sind stolz auf Sie. Stolz auf die Niederlande."

Wer die Live-Sendung verpasst hat und des Niederländischen mächtig ist, kann sich das hier noch einmal ansehen.

kapelle mit stil zu kaufen

[Architektur]

Zecc Architecten halte ich für eines der vielversprechendsten jungen Architekturbüros in den Niederlanden. Die Liste der interessanten Projekte, die Marnix van der Meer und die seinen in den letzten Jahren realisiert haben, ist schon recht beachtlich. Darunter auch der Umbau einer Kapelle in Utrecht zur Wohnung: sehr stilvoll-minimalistisch, ganz in weiß und mit einigen historischen Überbleibseln als Blickfängern.

Schon beim ersten Mal, als ich Fotos von dem Projekt gesehen habe, habe ich mich allerdings gefragt, ob man darin auch gut wohnen kann. Aussicht hat man jedenfalls keine in dem geschlossenen Kirchenloft. Jetzt hat die Website eines Maklers meine Vermutung bestätigt: Offenbar wollen die Auftraggeber das gute Stück, das erst im April fertiggestellt wurde, schon wieder verkaufen. Was aber nicht unbedingt heißen muss, dass sie sich dort nicht wohl fühlen. Es könnte auch schlicht bedeuten, dass der schicke Umbau den Wert des Gemäuers in bisher ungeahnte Sphären katapultiert hat. Wer weiß.

kapelle
Screenshot von der Makler-Website

blechfänger

[Design]

Als Begrüßung im neuen Jahr hier ein Objekt, von dem ich immer schon mal wissen wollte, ob es das eigentlich wirklich nur in den Niederlanden gibt. Ich habe es jedenfalls noch nirgends sonst gesehen.

blik

Es handelt sich um den sogenannten blikvanger – ein Wortspiel, da blik sowohl 'Blick' als auch 'Blech' bzw. 'Dose' heißt. Die Dinger stehen gerne an vielbefahrenen Kreuzungen neben der Ampel. Sie sind eine Mischung aus Basketballkorb und Mülleimer und dienen dazu, den öffentlichen Raum von Müll zu befreien. Naja, oder zumindest den Müll an einem einzigen Ort, nämlich in und rundum den blikvanger, zu konzentrieren. Das ist mal wieder so ein typisches Beispiel von niederländischer Findigkeit: Realistisch betrachtet kann man den Leuten sowieso nicht abgewöhnen, ihre leeren Dosen aus dem Auto zu pfeffern. Aber dann kann man ja wenigstens mal versuchen, es durch das Hinzufügen eines Spaßfaktors in geordnete Bahnen zu lenken...