Die Themen, über die sich die Einwohner einer Großstadt ereifern, sind manchmal ziemlich kurios. In Amsterdam drehen sich Lokalfernseh-Talkshows, borreluur-Gespräche und Nachbarschaftsschwätzchen momentan prioritär um folgendes:
1. Anne Franks Kastanienbaum
Im Garten des Anne-Frank-Hauses steht eine 170 Jahre alte Kastanie, die Anne von ihrem Hinterhausversteck aus sehen konnte und dreimal in ihrem berühmten Tagebuch erwähnt. Jetzt ist der Baum morsch und muss deshalb eventuell gefällt werden. Schon seit Wochen gibt es ein tägliches Hin und Her: Mal heißt es, er fällt, mal heißt es, er bleibt stehen. Irgendein armer Irrer hat letzte Woche sogar bei Ebay 7000 Euro für eine Kastanie vom Originalbaum geboten. Der hat sicher auch noch ein echtes Stück Berliner Mauer zu Hause liegen.
2. Herzlich willkommen in Amsterdam!
Am Bahnhof sollen in Zukunft freundliche Hostessen und Hosts (oder wie heißt die männliche Variante?) orientierungslose Touristen in Empfang nehmen. Sie sollen ihnen den Weg weisen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Hübsche Idee – aber ist das nicht einfach eine faule Ausrede, damit man das Baustellenchaos am Bahnhof nie wieder aufzuräumen braucht?
Ewiges Parallelthema hierzu sind die Taxifahrer: In Zukunft soll es besondere "Qualitätstaxis" geben, deren Fahrer der englischen Sprache mächtig, im Besitz eines ordentlichen Fahrzeugs und freundlich zu den Gästen sind. Das klingt ein bisschen wie die "essreifen" Avocados, die seit einer Weile für teuer Geld in den Supermärkten verkauft werden und bei denen ich mich immer frage, wieso eigentlich nicht alle Avocados essreif sind. Gibt es wirklich Leute, die lieber steinharte Früchte kaufen? Aber jetzt schweife ich ab.
3. Aus Fensterprostitution mach Modepräsentation
Die Stadt tritt seit einer Weile gegen die Fensterprostitution im Rotlichtviertel auf, weil sich dahinter - Überraschung! - viel Kriminalität, Frauenhandel und ähnlich Unappetitliches verbirgt. Fast ein Drittel der Fenster soll in nächster Zeit geschlossen werden. Aber was tun mit all den leeren Schaufenstern? Neuester Vorschlag: die Werke junger Amsterdamer Modetalente darin präsentieren. Fände ich persönlich gar nicht schlecht, aber erstaunlicherweise sind viele Amsterdamer gegen die Vertreibung der Prostitution aus dem Viertel. Schließlich gehöre sie zum Lokalkolorit.