aufwärts

[Kunst]

Aha, es ist also Kunst. Seit ein paar Tagen treibt im Wasser des IJ, direkt vor dem Shell-Turm, ein riesiges, weißes Tipi-artiges Gebilde. Erst dachte ich, es sei vielleicht der Info-Pavillon für das Projektgebiet Overhoeks oder irgendein Hinweis auf das Filmmuseum, das demnächst dort gebaut wird. Nein, es handelt sich um ein Werk namens Aufwärts vom deutschen Künstler Thomas Bartels. Und es ist auch kein Tipi, sondern eine halbtransparente, 15 Meter hohe Boje. Abends schimmern die Silhouetten einiger Figuren durch ihre Haut, die im Sysiphos-Stil endlos Leitern erklimmen.

Einen praktischen Nutzen hat Aufwärts übrigens auch: Es fungiert als Leuchtturm und lotst die Schiffe an einem neu aufgeschütteten Stück Land im IJ vorbei.

bartesl
Foto: Katrien Mulders

räumungsdienstag

[Allgemeines]

Heute ist ontruimingsdinsdag, wie ein Kollege mir gerade mitteilte. Schon seit Stunden kreiseln Hubschrauber über unserem Büro in der Utrechtsestraat, und ich habe mich gewundert, was da draußen los ist. Kurzes Googeln bestätigt: Seit heute Morgen ist die Polizei dabei, mehrere besetzte Häuser zu räumen, deren Besitzer konkrete Nutzungspläne für ihre Immobilie nachweisen konnten. Nur die Hausbesetzer-Galerie Schijnheilig am Koningsplein hat einen Aufschub bis Mitte November erhalten.

Offenbar ist Dienstag ein beliebter Tag für solche Räumaktionen. Wieso? Das konnte mein Kollege mir auch nicht erklären.

Zumindest für die Hausbesetzer am Koningsplein hege ich durchaus Sympathie. Wenn man in den Amsterdamer Shoppingzonen, die ja größtenteils in Sträßchen mit historischer Bebauung liegen, mal nach oben schaut, sieht man nichts als blinde Fenster. Die meisten Ladenbesitzer wollen nämlich im Erdgeschoss der schmalen Häuser keine Fläche für Treppen opfern und lassen deshalb die oberen Stockwerke einfach leerstehen. Über Schuhläden, Boutiquefilialen und Burgerrestaurants befinden sich tausende ungenutzte, versiegelte Quadratmeter potenzieller Wohnfläche. Und das in einer Stadt, in der Studenten in Seecontainern wohnen und man bis zu fünfzehn Jahre lang auf die Zuweisung einer sozialen Mietwohnung wartet. Kann daraus nicht mal jemand eine Architekturstudie machen? Mit einer schlauen Idee zur Erschließung der Obergeschosse?

dutch design week

[Design]

In Eindhoven hat letzte Woche mal wieder die Dutch Design Week stattgefunden, inklusive dem ewigen Highlight: den Graduation Galleries der Design Academy. Unglaublich, was für eine Qualität die Abschlussprojekte der Studenten von dieser Schule jedes Jahr haben. Da sieht manch eine Designmesse im Vergleich verdammt blass aus. Hier eine kleine, unmaßgebliche Auswahl meiner diesjährigen Favoriten:

carbonell
Dieser Gummisessel mit Tierfiguren, die über Nabelschnüre mit dem Muttermöbel verbunden sind und sich aufblasen, sobald sich jemand darauf setzt, war der unbestrittene Publikumsliebling.
Nacho Carbonell, Pump it Up (Abt. Man and Well-Being). Foto: Jose van Riele

andreassen
Ikea-Patchwork: Ein Teppich aus Luftaufnahmen von schwedischen Möbelhäusern in aller Welt.
Bjørn Andreassen, Welcome to the World of Ikea (Abt. Man and Public Space). Foto: Vincent van Gurp

nielsen
Der erste Seidenschal, für den keine Seidenraupen sterben mussten. Statt dessen krochen sie über sechseckige Formen und hinterließen dort ihre Fäden.
Elsbeth Joy Nielsen, A Silk Story (Abt. Man and Activity). Foto: Lisa Klappe

taro
Modullampe mit Magnet-Befestigungen.
Felix Taro Gragnato, My Cloud (Abt. Man and Living). Foto: Femke Reijerman

meulenpas
Verschleißfreier Rasierer aus Hightech-Keramik.
Joyce Meulenpas, Skim (Abt. Man and Well-Being). Foto: José van Riele

caluwe
Sehr praktisch: Lampenschirm zum Klamottenaufhängen.
Pieter de Caluwé, Hanging Lamp (Abt. Man and Well-Being). Foto: Vincent van Gurp

bosch
Reinier Bosch, Kacheltafel (Abt. Man and Living). Foto: Vincent van Gurp

vogel
Diesen Leuchter kann man auseinanderziehen und zusammenschieben, ohne dass er seine kreisrunde Form verliert.
Wieland Vogel, Halo (Abt. Man and Living). Foto: Vincent van Gurp

yoshiyuki
Superschöne zweibeinige, stapelbare Kommoden. Je mehr, desto stabiler.
Ryohei Yoshiyuki, Your Level (Abt. Man and Well-Being). Foto: Vincent van Gurp

Wenn ich wetten sollte, von welchem Absolventen des Jahres 2007 wir in Zukunft noch öfter hören werden, würde ich auf Christoph Brach tippen. Er war in den Graduation Galleries gleich mit zwei sehr schönen, wenngleich sehr unterschiedlichen Projekten vertreten, und obendrein an der Ausstellung NAT im Eindhovener Kunstzentrum MU beteiligt.

brach
Christoph Brach, A Second Nature (Abt. Man and Identity/Man and Activity). Foto: Marjan Holmer
(Eingeweide aus Luftballons - da muss man erst mal drauf kommen...)

brachtisch
Christoph Brach, Shades of White (Abt. Man and Identity/Man and Activity). Foto: René Hulst

mu
Christoph Brach + Daniera ter Haar, 100% Sap.
NAT, Desiging Nature, Kunstzentrum MU (ebenfalls in der Witte Dame), bis 11.11.

sloom & slordig

[Design]

Wer sein Designbüro so nennt, traut sich was. Dank einem Eintrag bei swissmiss habe ich gerade Sloom & Slordig entdeckt, ein niederländisches Büro für Interieurbau und -design, dessen Projekte kaum niederländischer sein könnten. Viel Pragmatismus, noch mehr Humor, manchmal haarscharf an der Grenze zur Witzigkeit. Ach ja, der Name heißt übersetzt übrigens "Träge & Schlampig".

steckdosen

bett

stapel

cubic undulated pavement

[Kunst]

Der 30x30-Pflasterstein ist die Geißel des öffentlichen Raums in den Niederlanden. Wo immer ein Projektentwickler oder Stadtteil ein knappes Budget hat, werden die Dinger verlegt.

Wenn man sie aber in die dritte Dimension befördert, können die langweiligen Betonsteine plötzlich interessant werden. Das haben William Pars Graatsma und Jan Slothouber vom Centrum voor Cubische Constructies schon 1969 mit ihrem "Cubic Undulated Pavement" bewiesen. Ursprünglich entwickelten sie es für den Schouwburgplein in Rotterdam, verlegt wurde es jedoch nur temporär auf der Biennale in Venedig 1970 und teilweise an der Luxemburglaan in Eindhoven.

Nun durfte Peter Graatsma (vermutlich der Sohn von William?) im Auftrag einer Behindertenstiftung eine Neuinterpretation des Knubbelpflasters anfertigen. Das Werk befindet sich im Städtchen Noordwijk und wurde von der Stiftung SKOR mitfinanziert. Mehr Fotos: siehe DESIGNWS.com

kubisch gewelfd trottoir

kubisch gewelfd 2

schmuddel in der werbung

[Kurioses]

In ganz Amsterdam hängen momentan Werbeposter für einen Küchenpapier-Spender von der Firma Edet. Darauf ist das Produkt vor pastellfarbenem Hintergrund zu sehen, und daneben steht in großen Lettern "Mal eben Bratfett aus der Besteckschublade wischen", "Mal eben Glibber aus dem Gulli fischen" bzw. "Mal eben Brei von der Zimmerdecke wischen".

Anlass genug, um mal eben ein paar Worte zum entspannten Verhältnis der niederländischen Werber (und ihrer Kunden) zum Thema Schmuddeligkeit zu verlieren. Wo in anderen Länder quietschsaubere Hausfrauen in ihrer quietschsauberen Küche quietschsaubere Produkte anpreisen, geht es hier gerne auch mal um Gulliglibber und fettige Schubladen.

Deshalb hier meine persönlichen Top 3 der niederländischen Schlunz-Werbungen:

1. Glorix Hygienetücher

glorix

2. Schawarma-Pizza

shoarma

Übersetzung: "Du führst ein vielbeschäftigtes Leben. Du bist den ganzen Tag über eingespannt. Es wird ja auch viel von Dir erwartet. Deshalb probierst Du tagein, tagaus, Dein allerbestes zu geben. Und da der Tag nur 24 Stunden hat, kommt das Kochen dabei manchmal zu kurz. Dennoch möchtest Du Dich abwechslungsreich ernähren. Deshalb gibt es jetzt die dicke Schawarma-Pizza von Iglo."

3. Douwe Egberts Kaffee

douwe

gekaufte artikel

[Architektur]

Vorgestern machte ich im Zug von Berlin nach Amsterdam Bekanntschaft mit einem (so gut wie frisch von der Uni gekommenen, also noch sehr jungen) Mecanoo-Mitarbeiter. Wir redeten ein bisschen über unsere Jobs, und er war sehr an den Gesetzmäßigkeiten des Architekturjournalismus interessiert. Irgendwann fragte er mich: "Und um einen Artikel in einer Fachzeitschrift zu bekommen, müssen die Architekturbüros sicher bezahlen, oder?"

Nun kann man sich einfach sagen, dass er ja noch sehr grün hinter den Ohren war. Man könnte aber auch die Arbeitsweise meiner Zunft in Frage stellen. Sind wir so unkritisch geworden, dass sich die Artikel in Architekturzeitschriften nicht mehr von gekaufter PR unterscheiden? Gilt das nur für niederländische Zeitschriften (im konkreten Fall ging es um das zugegebnermaßen nicht gerade scharfzüngige Blatt De Architect) oder müssen wir uns länderübergreifend an die Nasen fassen?

suchbild mit didden village

[Architektur]

Neulich war ich zu Gast im Didden Village, dem schlumpfblauen Dachaufbau in Rotterdam von MVRDV. Obwohl ich es ursprünglich nicht erwartet habe, war ich ziemlich überzeugt von dem Projekt. In den Häuschen ist erstaunlich viel Platz, und die Dachlandschaft ist eine Art SuperDutch-Interpretation von Le Corbusiers Unité-Aufbauten. Die Bauherrn waren auch schrecklich nett, und haben mir hinterher sogar noch dieses hübsche Luftfoto geschickt. Das blaue Pünktchen in der Mitte ist kein Photoshop-Ausrutscher, sondern tatsächlich Didden Village – siehe Close-up darunter.

luftfotorotterdam

diddenganznah 

ROC Apeldoorn

[Design]

Vor ein paar Wochen wurden Fotos von Tjeps Entwurf für die Rezeption des ROC Apeldoorn durch die internationalen Designblogs gereicht wie Joints. Kein Wunder, denn das Interieur ist sehr schön bunt und kaum zu übersehen. Persönlich muss ich aber sagen, dass ich die grafische Klassenzimmer-Gestaltung von Jurgen Bey und Rianne Makkink bevorzuge, die aus irgendeinem Grund weniger Aufmerksamkeit bekommen hat. Deshalb hier ein Link zu designws.com sowie ein Bildchen.

Ein ROC ist übrigens ganz schlicht eine Berufsschule. Wie es dazu kommt, dass eine Berufsschule zwei der bekanntesten niederländischen Designbüros mit ihrer Innengestaltung beauftragt? Keine Ahnung.

bey