tränchen weinen

[Architektur]

Und noch mehr Herzerwärmendes. Ende September startet der Abriss des Rotterdamer Bahnhofsgebäudes. Es muss einem großen Integral-Terminal für Bahn, Bus, Straßenbahn etc. weichen, das Benthem Crouwel, Meyer & van Schooten und West 8 gemeinsam entworfen haben.

Zugegeben, der Bahnhof war schon lange viel zu klein und sein Vorplatz ein ewiges Chaos. Aber das Gebäude aus den 50er Jahren von Sybold van Ravesteyn war trotzdem schön.

rotterdam cs 

Deshalb haben Peter Hopman und Margien Reuvekamp vom Bureau Lakenvelder – dem Designbüro, das auch die Badezimmer im Lloyd Hotel entworfen hat – sich eine Abschiedsinstallation ausgedacht. Ab 12. September wird auf dem Dach des Bahnhofsbaus nicht mehr "CENTRAAL STATION" stehen, sondern "TRAAN LATEN", also "Träne weinen". Bis die Abrissbirne kommt.

traan 

liebe in der stadt

[Kunst]

Liefde in de Stad heißt ein Kunst-Event, das den ganzen September hindurch in Amsterdam stattfindet. Jawohl, die Organisatoren finden allen Ernstes, dass die Stadt mehr Liebe braucht. Klingt ein bisschen hippiemäßig, aber es machen einige gute Kunstinstitutionen mit, was mich hoffen lässt.

Unter anderem ist W139 dabei und zeigt die Ausstellung Love is like Oxygen, mit Werken von u.a. Gil & Moti, Erin Dunn und Arno Coenen. Ganz herzzerreißend ist Joel Taubers Beitrag namens Sick-Amour: Der amerikanische Künstler entdeckte vor einigen Jahren eine einsame, nur von Asphalt umgebene Platane auf dem riesigen Parkplatz des Pasadena Rose Bowl Stadium und schloss sie in sein Herz. Er vergrößerte ihr Loch im Asphalt, stellte einen Zaun auf, damit die Autos sie beim Parken nicht umfuhren, vergoldete ihre Blätter und sammelte ihre Früchte. In der Ausstellung sind Nachkömmlinge des unglücklichen Baumes zu sehen. Hach...

sick-amour
Joel Tauber, Sick-Amour

dogma

[Architektur]

Was haben Architekten bloß mit Lars von Triers inzwischen 12 Jahre altem Filmmanifest DogmE?

Gestern erreichte mich eine Einladung zur Ausstellung dogMax im Architekturzentrum Wien. Gezeigt werden die Ergebnisse eines Entwurfsseminars an der TU Graz, bei dem die Studenten nur mit Materialien aus dem Baumarkt arbeiten durften und sich an 10 Regeln halten mussten, die an die filmischen Keuschheitsgebote des dänischen Regisseurs angelehnt sind.

Klänge originell, wenn da nicht vor sechs Jahren bereits das DogmA vom niederländischen Architekturbüro Onix gewesen wäre. Auf der Website des Büros steht es noch, ist aber leider nicht verlinkbar: Man klicke auf "projects" > "remaining" > "studies" > "Fryske Dogma". Allerdings sind die Regeln nur auf Friesisch und Niederländisch verfügbar, was auch zum Reinheitsgebot gehört. Regionalität und so.

Da bietet es sich doch an, die beiden Gebotskataloge zu vergleichen. Resultat: Nur eine einzige Regel stimmt überein, nämlich die, dass alles von Hand gezeichnet werden muss. Nicht, dass Onix sich daran tatsächlich halten würde – das wäre auch ziemlich schwierig angesichts der vielen Projekte, die das Büro inzwischen hat. Aber offenbar hat die friesischen Architekten damals dieselbe Einfachheits-Nostalgie gepackt wie nun die Veranstalter des österreichischen Seminars, was ja an sich schon ganz interessant ist.

rund um die ndsm-werft

[Kultur]

Am letzten Sonntag habe ich einen kleinen Fahrradausflug nach Amsterdam-Noord gemacht und dabei ein terrasje entdeckt, das ich in der Liste neulich ganz vergessen hatte: die IJ-Kantine. Sie befindet sich direkt neben dem Anlager der NDSM-Fähre, auf dem Gelände der ehemaligen NDSM-Werft. Weder das Essen noch der Service sind weiter erwähnenswert, der Blick dagegen schon: Man schaut aufs Hafenbecken nebst diversen alten Pötten, darunter ein ausrangiertes U-Boot, ein Feuerwehrschiff, ein Segelschiff (das inzwischen auch ein Restaurant ist), und dem Silodam in der Ferne.

ijkantine

segel

uboot99

kade2

Ein paar Meter weiter Richtung Westen entsteht außerdem gerade eines der unglaublichsten Gebäude, die ich seit langem gesehen habe. Das Büro OTH Architecten hat eine gläserne Bürobox auf eine alte Hafenkranspur gebaut. Das ganze ist sage und schreibe 270 Meter lang und wird zum neuen Hauptsitz der Fernsehproduktionsfirma IDTV. Hier gibt es mehr Fotos.

29

32

el hema

[Kunst]

elhema

Man muss der Kunststiftung Mediamatic ja lassen, dass sie immer wieder mit spaßigen neuen Ideen kommt. Ihr neuester Mediencoup heißt El Hema. Von 25. August bis 4. November werden bei Mediamatic die Ergebnisse eines Designwettbewerbs gezeigt, bei dem es darum geht, typische Produkte des holländischen Billigkaufhauses-mit-Stil namens Hema zu arabisieren. Dabei herausgekommen sind bisher zum Beispiel arabische Schokoladenbuchstaben (zu St. Nikolaus schenken die Holländer einander den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens aus Schokolade, weiß der Geier wieso), ein Djellaba-artiger Jogginganzug, Halal-rookworst und eine Regenburka. Die Objekte können bei Mediamatic bestaunt, aber auch gekauft werden.

Hema war anfänglich nicht gut auf das Projekt zu sprechen, hat sich dann aber überzeugen lassen. Jetzt sitzt sogar jemand von der Kaufhauskette in der Wettbewerbsjury. Wäre auch schön blöd gewesen, so viel Gratis-Werbung zu verbieten. Immerhin stehen auf der Mediamatic-Website so werbewirksame Sätze wie "We all love Hema and Hema loves us all".

Der Wettbewerb ist übrigens noch in vollem Gange. Jede Woche werden die besten neuen Einsendungen zur Ausstellung hinzugefügt.

chocoletter
Marieke Bijster, Biting into the Chocolate Letter H

towel
Willem Velthoven, Dry Towel Green

tuete
Marieke Bijster, El Hema Blows your Mind

wurst
Willem Velthoven, Halal Smoked Sausage

uitmarkt

[Kultur]

Am kommenden Wochenende ist Uitmarkt. Mit diesem "umsonst & draußen"-Festival wird alljährlich das Erwachen der Amsterdamer Kulturszene aus ihrem sommerlichen Dornröschenschlaf zelebriert.

Dieses Jahr findet der Uitmarkt zum ersten Mal nicht am Museumplein und in der Innenstadt, sondern an der Oostelijke Handelskade statt. Angeblich wegen der einzigartigen Mischung aus Kultur, Architektur und Wasser im neuen Stadtgebiet. Ich vermute aber, dass man vor allem die Altstadt entpfropfen und den Rasen auf dem Museumplein schonen wollte. Denn der war bisher jedes Jahr Matsch, wenn die Horden drübergetrampelt waren.

tunnelsWie dem auch sei, die Oostelijke Handelskade ist natürlich ein prima Ort für so eine Veranstaltung. Das Programm ist wahrhaft variationsreich: Von Hiphop über Jazz und Klassik bis hin zu Kabarett und Tanz gibt es alles zu sehen, was Amsterdam so hergibt, ohne dass es dabei ganz so heinekenselig wird wie am Koninginnedag.

Mein Lieblingsprogrammteil ist aber Amsterdam Underground. Das gleichnamige Festival findet zwar erst im September statt, aber beim Uitmarkt gibt es schon mal Kostproben. Für Amsterdam Underground werden jedes Jahr verborgene Keller und unterirdische Orte in der Stadt geöffnet und mutieren zu Performance-Bühnen. Auf der Website des Festivals sind die Orte, die beim Uitmarkt zugänglich sein werden, bereits als Mini-3D-Modell zu sehen und auch ungefähr beschrieben, aber noch nicht so genau, dass man sie auch alleine finden könnte. Mit von der Partie sind zum Beispiel ein geheimer Tunnel, der unter dem IJ durchführt, der Startcaisson der neuen U-Bahnlinie und ein winziger Brückenkeller an der Handelskade mit Fenster zum IJ. Vor allem der Tunnel dürfte spannend sein. Ich werde also am Wochenende mal was neues machen: unter dem IJ spazierengehen.

risikoparkplatz

[Allgemeines]

Na, wenn das nicht drastisch aussieht... Die Amsterdamer Polizei hat letzte Woche in manchen Gebieten diese Schilder aufgestellt. Soll heißen: Wer hier parkt, ist selber schuld und muss damit rechnen, dass wahlweise sein Autoradio, seine Rückbank oder seine Nummernschilder am nächsten Morgen verschwunden sind. Wie sich das wohl auf die Immobilienpreise in der Umgebung auswirkt?
 
risikoparkplatz

terrasjes

[Allgemeines]

Wie üblich im August, gibt es gerade nicht viel zu berichten aus Amsterdam. Die Niederländer haben geschlossen das Land verlassen, um die Sonne zu suchen, und sind durch Horden von Touristen ersetzt worden. Viele Restaurants haben Sommerpause, Museen zeigen seit drei Monaten dieselbe Ausstellung, in manchen Gegenden der Stadt ist man tatsächlich mal alleine auf der Straße. Auch die Baustellen liegen übrigens still, denn hier gibt es sehr südländisch anmutende Bauferien.

Deshalb hier ein kleiner touristischer Sommerlochfüller: ein paar Lieblings-terrasjes in Amsterdam. Weder repräsentativ noch maßgeblich, sondern einfach nur so.

  • Brouwerij 't IJ: Brauerei in einer Windmühle in Zeeburg. Kleiner Biergarten mit seltsamen Öffnungszeiten und leckerem Lokalbier.
  • 12: Dachterrasse von Restaurant Elf mit garantiert bestem Blick über Amsterdam.
  • Durgerdam: Puppenstubiges Deichdorf am IJsselmeer, mit dem Fahrrad vom Bahnhof in 20 Minuten zu erreichen. Vor dem Café sitzt man auf dem Deich und sieht nix außer Wasser.
  • Terrasse vorm Restaurant Star Ferry im Muziekgebouw: Wenn man mit einem Bier auf den Stufen sitzt, muss man das Gebäude nicht sehen und kann dafür die Schiffe auf dem IJ beobachten.
  • Dach des Nemo-Gebäudes: Auch hier muss man das Gebäude zum Glück nicht angucken, sondern hat vom Sitzsack aus einen Panoramablick über die Altstadt.
  • De Gouden Reael: Gibt's den Ponton vor diesem Restaurant im Westerdok eigentlich noch? War immer sehr nett, leicht schwankend in der Sonne zu dümpeln.
  • Villa Zeezicht: Café auf der Multatuli-Brücke, prima zum Leutegucken.
  • Café Spanjer & Van Twist, Leliegracht: Die besten Plätze sind unten, direkt an der Gracht, wo einem die Boote fast über die Füße fahren.
  • Blaues Teehaus im Vondelpark: Hübscher Pavillion aus den dreißiger Jahren, und obendrein as Biergarten as it gets in Amsterdam.
  • Stadtstrände: Ich spare mir jetzt, sie alle einzeln aufzuzählen. Neu ist jedenfalls Strandclub Difrin am Sloterplas, mit leckerem türkischen Essen.

stadtbibliothek von jo coenen

[Design]

Am 7.7.07 wurde die neue Amsterdamer Stadtbibliothek eröffnet. Der Entwurf für das Prunkstück auf dem Oosterdokseiland stammt von Jo Coenen, seines Zeichens Ex-Rijksbouwmeester.

oba
Foto: Ceinturion/Wikipedia

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, meinen Architekturgeschmack trifft das nicht. Ich finde den Bau hauptsächlich groß und teuer, aber nicht schön. Derart bevorurteilt bin ich am Sonntag zum ersten Mal hineingegangen und muss sagen, dass das Interieur mich dann doch positiv überrascht hat. Das liegt weniger an der Architektur (vom Raumgefühl her könnte es auch irgendein Edel-Kaufhaus sein) als vielmehr an der Einrichtung, für die die Auftraggeber richtig was springen lassen haben. Eine Wand am Eingang ist zum Beispiel mit Filz von Claudy Jongstra bespannt, und ein Stück weiter stehen Bänke von Hella Jongerius. Auch sonst: Jede Menge gutes Design, von den Garderobenständern bis hin zu den Sesseln und den Uniformen der Mitarbeiter. Außerdem findet sich in den Aufzügen ein grafisches Kunstwerk von Martijn Sandberg, und auf einer der Etagen stehen ein paar Sitzskulpturen von Atelier van Lieshout. Da vergisst man auch mal die architektonischen Fehlgriffe.

Probleme mit der protzigen Architektur haben ohnehin die wenigsten. Obwohl am Sonntag ganz großartiges Wetter war, wimmelte es in der Bibliothek von staunenden Touristen.

Bei designnws.com gibt es ein paar Fotos vom Innenleben der Bibliothek zu sehen. 

tierheim in osdorp

[Architektur]

Demnächst wird in Amsterdam-Osdorp ein neues Tierheim von Arons en Gelauff fertiggestellt. Der Bau ist schon recht weit gediehen, wie ein paar erste Fotos von Allard van der Hoek zeigen. Erinnert mich ein bisschen an Sauerbruch Hutton in den 90ern... Aber eins ist jedenfalls jetzt schon klar: Er ist sicher keine graue Maus, wenn ich mir diese platte Metapher mal erlauben darf.

tierheim

tierheim2

tierheim3

tierheim4

Posts  1 - 10 /11