spendershow

[Kurioses]

Vielleicht sollte ich in diesem Blog doch mal die Kategorie "Ich glaub's ja nicht..." einführen. Darein könnte ich alles stecken, was mich im niederländischen Alltag sprachlos macht. Ganz oben auf meiner Liste stünde momentan eine Fernsehsendung, die morgen auf Nederland 3 gezeigt wird: De Grote Donorshow. Der Hintergrund klingt löblich: Die Sendung soll die Zuschauer anspornen, ein Organspender-Formular auszufüllen. Und wie wird das inszeniert? Eine tödlich erkrankte 37-jährige Niederländerin wird morgen in der Fernsehshow live auswählen, welchem von drei Nierentransplantations-Anwärtern sie ihre Nieren spendet. Das Publikum darf sie per SMS bei der Entscheidungsfindung beraten.

biennale-samstag in rotterdam

[Architektur]

Ach, war das nett und ach, war das anstrengend. Samstag hüpfte ich vom Fotomuseum zur Kunsthal zum NAi, inhalierte dabei insgesamt nicht weniger als sechs Ausstellungen, wohnte einem unglaublich sympathischen Vortrag von Herman Hertzberger über Le Corbusier bei (Fazit: "Eigentlich war Le Corbusier sehr bürgerlich"), trank zu viel schlechten Vernissagenwein und beschloss, dass ich mir das alles irgendwann noch einmal in Ruhe ansehen muss. Dieser Meinung waren offenbar auch fast alle anderen Anwesenden, denn während das NAi-Foyer vor Architekten überquoll, waren die Ausstellungssäle, vor allem in der Kunsthal, weitgehend verwaist. Zur Biennale kommt man eben vor allem, um soziale Kontakte zu pflegen. Dafür reist man auch gerne von weither an, wie das internationale Grüppchen am Restauranttisch später zeigte. Aber ob Venezolaner, Däne oder Japanerin - alle kauten sie auf einem schuhsohligen Rotterdamer Schnitzel. Jetzt weiß ich jedenfalls, wie der etwas beliebige Biennale-Titel "Power" gemeint ist: Es geht um Durchhaltekraft.

power

hertzberger
Herman Hertzberger sprach über bekannte....

hertzberger2
...und weniger bekannte Seiten von Le Corbusier.
(Fotos: Yukiko Nezu und Allard van der Hoek)

architekturbiennale und mehr

[Architektur]

Nächstes Wochenende wird sich herausstellen, wie zäh ich in puncto Architektur wirklich bin. In Rotterdam beginnt die 3. Architekturbiennale - aber damit nicht genug. In der ganzen Stadt finden so viele interessante Ausstellungen und Veranstaltungen statt, wie in den gesamten letzten fünf Jahren nicht. Muss denn das alles auf einmal sein? Hier ein Überblick:

  • In der Kunsthal eröffnet morgen die Biennale-Ausstellung Power - Producing the Contemporary City (bis 2.9.)
  • Im NAi gibt es die dazugehörigen Schauen A Better World - Another Power sowie Visionary Power (bis 21.10.). Außerdem finden dort die sogenannten Power Lounges statt, bei denen wichtige Menschen über Architektur und Macht diskutieren.
  • Mindestens genauso interessant wird sicherlich die große Ausstellung über Le Corbusier, die am Samstag ebenfalls im NAi eröffnet wird (bis 2.9.).
  • Dann gibt es noch eine kleine Ausstellung über experimentelle Backsteinmodelle namens Brick - The Exhibition im Groothandelsgebouw (bis 29.6.)
  • Im Boijmans Museum findet die Abschlussschau zur Bauausstellung WIMBY! statt, die in den vergangenen fünf Jahren die Stadterweiterung Hoogvliet wiederbeleben sollte (bis 19.8.)
  • Im Wohn- und Hafenviertel Heijplaat werden unter dem Titel Follydock 20 kleine, experimentelle Pavillons, also follies, aufgebaut (bis 9.9.)
  • Dann wäre da natürlich noch das frisch eröffnete Niederländische Fotomuseum im Werkstattgebäude Las Palmas.
  • Und im Kunstzentrum Witte de With laufen Ausstellungen mit architekturbezogenen Werken von Tris Vonna-Michell und Margaret Salmon (bis 19.8.).

blühende stadt

[Architektur]

Da hab ich doch gestern meinen Augen nicht getraut: Auf dem Schouwburgplein in Rotterdam steht plötzlich ein Geranien-Gebirge. Sehr dekorativ.

bloeiende stad

Ein wenig Googeln brachte heute ans Tageslicht, dass die Installation von West 8 stammt, die ja 1996 auch die Platzgestaltung des Schouwburgplein entworfen haben. Sie nennt sich "Brennende Stadt / Blühende Stadt", gehört zum Programm des Architekturjahrs und stellt laut Adriaan Geuze ein "Flammenmeer aus Blumen" dar, als Erinnerung an das Bombardement der Stadt im 2. Weltkrieg. Ich habe ja eher eine Berglandschaft darin gesehen. Aber das ist natürlich eine völlig unniederländische Assoziation.

fahrradklingeln

[Allgemeines]

Es ist Ferienzeit in Europa. Himmelfahrt, Pfingsten und diverse andere Feiertage locken scharenweise ausländische Besucher nach Amsterdam. Und da in jedem Reiseführer steht, dass man in Amsterdam unbedingt ein Fahrrad mieten soll, um es den Einheimischen gleichzutun, sind die Straßen mal wieder so unsicher wie lange nicht mehr. Englische Mädels auf Junggesellinnen-Fahrt, italienische Studenten auf Interrail-Tour, deutsche Ehepaare auf Shopping-Trip - alle werfen sie sich in den Amsterdamer Verkehr. Auch wenn sie seit Grundschultagen auf keinem Fahrrad mehr gesessen haben.

Deshalb erhält man beim Großverleih MacBike jetzt eine Broschüre namens "Sicher Radfahren in Amsterdam" zum Mietfahrrad, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Darin steht zum Beispiel, dass man beim Abbiegen den Arm ausstrecken soll. Ein schlauer Schachzug, denkt doch der Tourist, er verleihe damit seinem Abbiegewunsch Ausdruck. In Wirklichkeit gibt er mit dieser Geste aber vor allem zu erkennen, dass er ein Tourist ist, vor dessen Unbeholfenheit im Straßenverkehr man sich in acht nehmen muss. Einheimische Radfahrer würden niemals vor einer Kurve den Arm ausstrecken. Hier gilt es ja sogar als uncool, bei roten Ampeln anzuhalten.

fietsbrochure

Ich finde ohnehin, parallel zur Fahrrad-Broschüre hätte man gleich noch "Sicher Spazierengehen in Amsterdam" herausbringen sollen. Unerlässlich für alle Touristen, die sich in Amsterdam zu Fuß bewegen möchten. Darin könnte zum Beispiel stehen, wie man sich verhalten soll, wenn man eine Fahrradklingel hört: "Bringen Sie sich unmittelbar auf dem nächstliegenden Gehweg in Sicherheit. Bleiben Sie keinesfalls mitten auf der Straße stehen und sehen sich danach um, woher das lustige Geräusch kommt. Von einfachem Ignorieren und panischem Vor- und Zurückspringen wird gleichermaßen abgeraten." Und wenn die Stadt nicht bald diese Broschüre publiziert, kaufe ich mir diese Fahrradklingel.

coded cinema

[Kunst]

Hier die neueste Amsterdamer Kunst-Location für das "Juchuh, ich gehöre so richtig dazu!"-Gefühl: das Coded Cinema. Dieses Kino befindet sich in einem unauffälligen kleinen Häuschen im Stadtteil Oud-West. Gezeigt werden Filminstallationen von jungen Künstlern - nonstop 24 Stunden pro Tag. Man muss nur den Türcode kennen und eintippen, damit Sesam sich öffnet. Selbiger wird alle vier Wochen geändert und steht irgendwo auf der Website des Smart Project Space, der das Kino betreibt. Frohes Suchen!

coded cinema

art amsterdam

[Kunst]

Am vergangenen Wochenende fand mal wieder die Art Amsterdam statt. Früher hieß die 1985 gegründete Messe KunstRAI, aber das klang nicht international genug für die Ambitionen der derzeitigen Direktion. Man möchte nämlich endlich wieder international dazugehören und am liebsten einen Platz zwischen Art Basel, Frieze Art Fair und Art Cologne einnehmen.

Dass dieses Ziel noch recht fern liegt, bewies das diesjährige Angebot. Zu kaufen gab es hauptsächlich niederländische Kunst von der leicht verdaulichen Sorte, viel Fotografie und etwas Malerei, durchmischt mit ein paar obligatorischen Asiaten. Darunter waren durchaus einige sehr schöne Werke, aber es bewegte sich alles im Rahmen des bürgerlichen Anstands und war dementsprechend etwas gleichförmig. Man merkt einfach, dass es in den Niederlanden keine eigenwilligen, reichen Sammler à la Belgien oder Schweiz gibt: Inhaltlich oder maßstäblich Sperriges ist nicht gefragt. Und obwohl ich hier meckere, muss ich mir selber auch an die eigene Nase fassen, denn wenn ich Kunst kaufen würde, dann sicher keine 50 Quadratmeter große Rauminstallation mit Gewalt und Genitalien, selbst wenn ich mir sowas leisten könnte.

Das ändert aber nichts daran, dass die viel jüngere Art Rotterdam das Marktsegment der jungen Gelegenheitssammler inzwischen besser bedient. Sie wirkt im Vergleich viel weniger angestaubt, und ihr Veranstaltungsort ist auch schöner. Nächstes Jahr also wieder Rotterdam.

zoetendaal1
Eva-Fiore Kovacovsky, Lake, 2006, Galerie Van Zoetendaal

grief
Erwin Olaf, Barbara, 2005, Reflex Gallery

smarius
Eveline van Duyl, Pussy, 2005, Galerie Smarius

baum oder nicht baum...

[Kurioses]

"Hohe Bäume fangen viel Wind", lautet ein niederländisches Sprichwort. Soll heißen: Wer was besonderes sein will, muss auch was aushalten können. Was besonderes ist dieser hohe Baum auf jeden Fall. Oder vielleicht auch gerade nicht, denn er ist gar kein Baum, sondern ein ganz ordinärer, wenngleich kunstvoll getarnter Telefonmast.

Er steht in den Kennemer-Dünen nahe des Örtchens Overveen. Absurderweise, finde ich, fällt er durch seine Tarnung noch viel mehr auf als ein gewöhnlicher Mast es täte. Denn weit und breit gibt es in den windgepeitschten Dünen nirgends eine so hohe, kerzengerade Kiefer. Alle anderen Bäume in der Gegend sind hutzelige Quasimodos, die sich kaum über die Sanddornsträucher erheben.

Aber immerhin hat der Baum einen Nutzen, denn er sorgt dafür, dass man am Strand immer guten Empfang hat. Und was hätten all die holländischen Eltern unentspannte Strandtage, könnten sie ihrem Nachwuchs nicht einfach mit Edding ihre Handynummer auf den Arm malen und ihn spielen schicken.

baum

extreme westertoren make-over

[Kultur]

Der Westertoren, also der Turm der Westerkerk und eines der beliebtesten Touristen-Fotomotive Amsterdams, ist frisch restauriert. Man würde kaum glauben, dass das kontrovers sein könnte, aber: Die Kuppel und die Vasen, die auf einem Sims neben den Turmuhren stehen, sind nun blau statt gelb. Offenbar hat der Architekt, der die Restaurierung durchgeführt hat, aus alten Gemälden geschlossen, dass das so gehört und bei der letzten Restaurierung nur aus Versehen verändert wurde. Das Denkmalamt erteilte ihm daraufhin den Auftrag, die Kuppel blau zu streichen. Die Farbe der Vasen hingegen hat er eigenmächtig verändert. Die Anwohner sind verstört. Nichts stimmt mehr. Diskussionen branden durch Lokalzeitungen und Weblogs.

Ich wünschte, die Niederländer hätten genauso ein Auge für Details, wenn es um Neubauten geht.

westertorenfernwestertorenblau
Der Vorher-Nachher-Effekt, inklusive Vasen des Anstoßes.

balkonparty

[Allgemeines]

Hier mal wieder was zum Thema "Wofür ich die Holländer mag". Vielleicht auch nur, damit ich diesen Eintrag durchlesen und mich daran erbauen kann, wenn sie mir mal wieder auf den Geist gehen.

Ich wohne im obersten Stock einer Hochhausscheibe mit langen, durchgehenden Balkonzeilen. Normalerweise sind die einzelnen Balkone voneinander durch Milchglas-Trennwände geschieden. Nun waren die Trennwände inzwischen vierzig Jahre alt und gingen bei Sturm gerne mal zu Bruch, weshalb sie diesen Sommer ausgetauscht werden. Bei 13 x 13 Wohnungen ist das eine längere Aktion, und die nächsten drei Monate werde ich deshalb einen fast 130 Meter langen Gigabalkon mit meinen 12 Nachbarn teilen müssen.

Morgens im Aufzug traf ich eine Nachbarin und wollte, deutsch wie ich nun mal bin, ein wenig über diese Beeinträchtigung meiner Privatsphäre jammern. Nervige Handwerker vorm Fenster, kann man ja gar keine Pflanzen rausstellen, hätten die das nicht im Winter machen können und so weiter. Das traf jedoch nur auf ein freudiges: "Wieso? Ist doch prima, der Riesenbalkon. Da können wir doch abends beieinander auf Besuch gehen. Sollen wir heute Abend eine Flasche Wein aufmachen? So um halb neun?" Sprach's, hängte einen Zettel in den Hausflur und veranstaltete ratzfatz einen Dämmerschoppen auf dem Balkon für die Bewohner des 13. Stocks. Wobei wir uns alle mal wieder ein bisschen nähergekommen sind, so dass das Fehlen der Trennwände sogar noch zum geselligen Gemeinschaftserlebnis wird. Prost!

Die Niederländer sind übrigens laut einer EU-Umfrage neben den Finnen das glücklichste Volk Europas.

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