fischer el sani im smba

[Kunst]

Das kleine Stedelijk Museum Bureau in der Rozenstraat, ein experimenteller Ableger des gleichnamigen Museums, zeigt momentan ein neues Werk des Berliner Künstlerduos Fischer El Sani. Nina Fischer und Maroan El Sani waren Anfang des Jahres als "artists in residence" in Amsterdam und hatten die Aufgabe, sich mit dem neuen Hochhausviertel Zuidas auseinanderzusetzen, das derzeit entlang der Ringautobahn im Süden Amsterdams entsteht.

Als Künstler, die bisher viel mit verlassenen und vergessenen Orten gearbeitet haben, wussten die beiden erst nicht so recht, was sie mit einem Neubauviertel anfangen sollten. Bis ihnen die Fluchttreppe an einem Büroturm von Rafael Viñoly ins Auge fiel. Sie ist als Einschnitt in der Fassade gestaltet, der sich außen rund ums Gebäude wickelt - sozusagen die gebaute 9/11-Hochhauspanik. Was Fischer und El Sani daran anzog, war aber vor allem die aberwitzige Tatsache, dass diese ursprünglich als halböffentlicher Raum geplante Fluchttreppe gar nicht zugänglich ist, denn sie entspricht nicht den feuerpolizeilichen Bestimmungen.

Das Resultat dieser Erkenntnis ist der Film "The Rise", der auf der Außentreppe des Hochhauses spielt. Im Text zur Ausstellung heißt es: "While passenger planes fly low overhead in the background, the protagonist of the film tries to reach the top of the tower, to attain heaven. His tiring trek however leads to nothing more than perplexity and unease." Ähnlichkeiten mit Hitchcocks Vertigo sind keineswegs zufällig. Die Filminstallation ist bis 13. Mai im SMBA zu sehen.

fischerelsani

salamander in zaandam

[Architektur]

Falls jemand findet, dass es hier plötzlich ein bisschen fischig riecht, hat er recht. Bei diesem Projekt bin ich - milde ausgedrückt - nicht ganz unbefangen, konnte es mir aber trotzdem nicht verkneifen.

Es handelt sich um den neuen Wohnblock De Salamander in Zaandam nahe Amsterdam, entworfen von Loos Architects. Natürlich finde ich ihn sehr schön - und nicht nur, weil er das erste gebaute Werk meines Freundes ist. Weitere Lobhudeleien spare ich mir besser. Bei Dezeen gibt es mehr Fotos.

salamander

salamander 2

Fotos: Allard van der Hoek

Fracht-Tram

[Allgemeines]
Ich persönlich bin kein besonders großer Straßenbahn-Fan. Meiner Erfahrung nach kommen die Dinger nie pünktlich und bleiben ständig irgendwo stecken. Gelobt sei das Fahrrad - so lange es nicht regnet. Busse sind noch schlimmer, und das mit der U-Bahn will im sumpfigen Amsterdamer Grund ja nicht so recht gelingen, wie die Endlosbaustelle der Noord-Zuidlijn beweist.

Allerdings taugen Fahrräder nicht zum Transport größerer Warenmengen. Und da in Zukunft immer weniger LKWs ins Zentrum Amsterdams gelassen werden sollen, haben sich die Verkehrsbetriebe etwas neues ausgedacht: die Fracht-Tram. Seit ein paar Tagen bimmeln die ersten Probezüge unter meinem Bürofenster vorbei. Nach einer zweiwöchigen Probephase sollen die Trams zum Warentransport eingesetzt werden: Sie werden am Stadtrand beladen und bringen ihre Fracht dann ins Zentrum, wo sie zur Endverteilung in Elektrobusse umgeladen wird. Natürlich geht es dabei ausschließlich um lebenswichtige Waren: Bier und Kleidung, hieß es in den Nachrichten. Wenn also demnächst in den Kneipen das Heineken versiegt und bei H&M die T-Shirts ausgehen, wissen wir, warum. Weil die Straßenbahn mal wieder Verspätung hat.

crime scene amsterdam

[Allgemeines]
Schon wieder ein Eintrag über etwas, das ich nicht gesehen habe. Dieses Mal auch noch ganz bewusst ohne Bild.

Im Fotomuseum FOAM in Amsterdam läuft noch bis 11. März die Ausstellung "Crime Scene Amsterdam". Nun bin ich wahrlich keine große Moralistin, aber hin und wieder reg ich mich auf. So zum Beispiel über diese Ausstellung. Gezeigt werden Fotos von Verbrechenstatorten und -opfern aus dem Archiv der Amsterdamer Polizei. Natürlich alles ohne erkennbare Gesichter, aber trotzdem: Da liegen blutverschmierte Stöckelschuhe auf dem Pflaster, hängt eine Männerleiche im Trainingsanzug halb im Spülbecken einer Wohnung, sind Striemen auf dem Rücken eines kleinen Jungen zu sehen. Um zu wissen, was die Fotos zeigen, muss man gar nicht in die Ausstellung gehen, denn die niederländischen Zeitschriften waren in letzter Zeit voll davon. Und die Designwelt frohlockt: Ist ja alles so echt, und dann auch noch diese total spontane, rauhe Ästhetik. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis in irgendeinem Modeblatt eine Fotostrecke mit Models zu sehen ist, die im Gucci-Röckchen leichenhaft im Spülbecken hängen. Dann wird mir endgültig schlecht werden.

Übrigens geht auch die Amsterdamer Polizei nicht gerade mit gutem Geschmack voran. Sie hat den dazugehörigen Katalog letztes Jahr als Weihnachtsgeschenk an alle Beamten verteilt.

bloomframe

[Design]
Außenraum ist bei niederländischen Wohnungsbauten ein schwieriges Thema, zumal er teuer und angesichts der hiesigen Wetterverhältnisse nur bedingt brauchbar ist. Seit der letzten Reform der Bauverordnung ist er nicht einmal mehr in seiner bisherigen Alibi-Variante, als Wintergarten hinter der thermischen Haut, erforderlich.

Vielleicht ist dieser sogenannte "Bloomframe" eine Lösung: ein auf Knopfdruck zum Balkon ausfaltbares Fensterelement. Entwickelt wurde es von den Amsterdamer Architekten Hofman Dujardin. Ein paar Bilder hatte ich schon vor einer Weile im Internet entdeckt, aber so richtig schmackhaft macht das Konzept erst das Youtube-Filmchen, das jetzt verfügbar ist. Sollten die Balkonklappen tatsächlich an einem Gebäude in den Niederlanden angebracht werden, können die Bewohner sich schon mal auf Trauben staunender Architekturtouristen vor ihrer Fassade gefasst machen.

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youtubebloomframe

radio kootwijk

[Architektur]
Wer sagt eigentlich, dass man in Weblogs nur über Dinge schreiben sollte, die man erlebt hat? Ich schreib jetzt mal über was, das ich verpasst habe. Und zwar gestern.

Ein Sonntagsausflug führte mich in die Veluwe nahe Apeldoorn, etwa eine Autostunde von Amsterdam entfernt. Die Veluwe ist ein großes Wald- und Heidegebiet, in dem man beim Spazierengehen tatsächlich mal mehr als eine halbe Stunde am Stück niemandem zu begegnen braucht. Eine Seltenheit in den überbevölkerten Niederlanden.

Auf dem Weg in den Wald sah ich einen Wegweiser, der Richtung Kootwijk zeigte. Mein Hirn begann zu rattern und halbgare Assoziationen auszuspucken. Kootwijk... Da war doch was mit Radio. Und was mit Architektur aus den zwanziger Jahren. Wahrscheinlich sowieso abgezäunt und nix zu sehen. Kurzerhand fuhren wir in die entgegengesetzte Richtung weiter.

Heute hab ich es mal kurz gegoogelt und mich dann ordentlich geärgert. Radio Kootwijk war eine Kurzwellen-Sendestation für die Kommunikation mit dem früheren Niederländisch-Ostindien, also Indonesien. Das verlassene Hauptgebäude, 1919-1922 nach Plänen von Jules Maria Luthmann errichtet und angeblich das erste Stahlbetongebäude der Niederlande, ist eine expressionistische Kathedrale, die mitten auf der Heide thront. Es steht unter Denkmalschutz, aber niemand weiß so recht, wie man es nutzen könnte. Seit ein paar Jahren ist das Gelände völlig frei zugänglich.

Nun gut, jetzt weiß ich wenigstens, wo mich mein nächster Sonntagsausflug hinführen wird.

kootwijk
Foto: Wikipedia

SANAA in Almere

[Architektur]
Im neuen Stadtzentrum von Almere drängeln sich die Architektur-Diven. Portzamparc rückt OMA auf die Pelle, dahinter schubsen Chipperfield und Meyer en Van Schooten. Gigon Guyer schrauben sich in ein kleines Grundstück, gucken aber immerhin über den Rest hinaus. SeArch ist noch am Wachsen, de ArchitectenCie, Claus en Kaan und René van Zuuk thronen bereits nebeneinander an der Uferpromenade. Dahinter hockt Alsop, breit, bunt und ziemlich plump.

Mitten im Jahrmarkt der Eitelkeiten fällt ein Gebäudekomplex durch seine elegante Zurückhaltung auf: De Kunstlinie, das neue Stadttheater nebst Kunstzentrum und Restaurant von SANAA. Die Komposition aus hellgrauen Betonkuben sitzt mit beinahe buddhistischer Ausgeglichenheit am Binnensee Weerwater. Sie schert sich ebenso wenig um ihre Nachbarn wie all die anderen Diven. Dafür schreit sie aber auch nicht auf voller Lautstärke um Aufmerksamkeit.

Nicht, dass De Kunstlinie nicht auch ihre Haken hätte. Wieso in Gottes Namen richtet man ein Gebäude an einem großen See so aus, dass es dem Wasser den Rücken zukehrt? Und wer kam auf die Idee, ein ohnehin schon recht kühl-minimalistisches Theaterinterieur mit Halogen-Downlights in bleiches Krankenhauslicht zu tauchen?

SANAA selber sind mit dem Ergebnis unzufrieden. So sehr, dass das Büro nicht einmal Fotos und Pläne für Publikationen herausrückt. Aber vielleicht war die Vorstellung, man könne japanischen Minimalismus mit niederländischen Baumethoden realisieren, auch ein wenig unrealistisch. Natürlich gibt es unschöne Deckeninstallationen, schlechte Anschlüsse und billige Materialien im Gebäude. Mit der spitzendeckchenhaften Immaterialität der Zollverein School in Essen kann De Kunstlinie es nicht aufnehmen. Aber im Disneyland Almere-Zentrum ist sie trotzdem eine Erholung fürs Auge.

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Fotos: Allard van der Hoek