alltagsdesign

[Design]
Ein paar Gedanken zum Morgen. In München ging ich in ein großes Kaufhaus, um mir einen spiralgebundenen Block zu kaufen. Die riesige Schreibwarenabteilung wirkte auf mich wie Ali Babas Höhle. Von allen Produkten gab es mindestens zehn Varianten. Blöcke mit oder ohne Linien oder Karos, mit breitem oder schmalem Rand, ausreißbaren oder nicht ausreißbaren Blättern, dick oder dünn. Begeistert wollte ich mir ein schönes Exemplar aussuchen. Dann stellte ich fest: Es gab keins. Ein Block war so hässlich wie der andere. Die Deckblätter zierte ein Typographie-Mix wie Kraut und Rüben, und die Farbskala reichte von Billiggrün über Telekom-Magenta bis hin zu Konsensblau.

Will man in den Niederlanden einen Schreibblock kaufen, geht man - wie für fast alles - zu Hema. Dort findet man eine, höchstens zwei Varianten. Als Nicht-Niederländer flucht man in so einem Moment gerne über die geringe Auswahl in diesem kalvinistischen Kleinstaat. Dabei übersieht man aber, dass die angebotenen zwei Exemplare ein geschmackvoll minimalistisch gestaltetes Cover in einem dezenten Grauton mit schönem Rot als Kontrastfarbe haben. Man hat sich schon daran gewöhnt. Bis man eines Tages die Schreibwarenabteilung eines Münchner Kaufhauses betritt... Ist das nun ein Vorteil an den Niederlanden oder ein Nachteil an Deutschland?

gursky und nordkorea

[Kunst]
Bei einem kleinen Ausflug nach München landete ich am Freitag in der Presse-Eröffnung der wirklich sehr schönen Gursky-Ausstellung im Haus der Kunst. Nun mag man monieren, dass ich hier eigentlich über die Niederlande und nicht über Bayern schreiben soll. Es bieten sich aber mehrere Möglichkeiten, diese Kurve zu kratzen.

1. Chris Dercon, jetzt Direktor am Haus der Kunst, war nämlich früher Direktor des Boijmans Museums in Rotterdam. Damals wurde er von den Rotterdamern - tendenziell ein eher kunstfernes Völkchen - als zu intellektuell eingestuft und gar als "umgefallenes Bücherregal" tituliert. Wie ich in München erfuhr, gilt er dort nun kurioserweise als zu wenig intellektuell, weil er profane Dinge wie Architektur und Design ausstellt. So richtig beliebt gemacht hat er sich offenbar weder hüben noch drüben. Nur die Gründe dafür könnten unterschiedlicher nicht sein.

2. Auf der Presse-Eröffnung lief Rem Koolhaas herum. Als die Journalisten aus der Pressekonferenz in die Ausstellungssäle strömten, ergriff er jedoch die Flucht. In seinem Windschatten folgte Jacques Herzog.

3. Gurskys neueste Fotos, die Paraden in Nordkorea zeigen, erinnerten mich sehr an diesen hübschen Reklamefilm für die Versicherungsgesellschaft Delta Lloyd, der vor ein paar Jahren im niederländischen Fernsehen lief und eine Menge Preise abräumte. Nur die Regierung Nordkoreas war sauer.

pyongyang
Andreas Gursky, Pyongyang I, 2007, Courtesy Monika Sprüth/Philomene Magers

Footloose

[Design]
Wir wir hoffentlich alle wissen, kann Design manchmal ein Segen für die Menschheit sein. In diesem Fall ist es zwar nur ein Segen für die Hälfte der Menschheit, aber da es zufällig die Hälfte ist, der ich angehöre, bin ich begeistert.

Mit ihrem Projekt "Footloose" hat Marte den Hollander gerade den Preis fürs beste Diplomprojekt im Fachbereich Industriedesign an der TU Delft gewonnen. Im Prinzip handelt es sich um einen Schuh mit höhenverstellbarem Absatz. Dieser ist umklappbar und kann in zwei Positionen arretiert werden: hoch oder niedrig.

footloose

Jetzt wird wahrscheinlich jede schuherfahrene Frau rufen, dass ein Absatz allein noch keinen bequemen Schuh macht. Der Trick ist jedoch, dass sich auch die Kurvatur der Sohle beim Aus- und Einklappen automatisch anpasst. Der Mechanismus ist bereits patentiert.

Offenbar ist aber noch ein anderer Niederländer auf dieselbe Idee gekommen, wie diese Website beweist (Das Werbefilmchen bei "downloads" wurde übrigens in einer von OMA entworfenen unterirdischen Straßenbahnhaltestelle in Den Haag gedreht). Allerdings ist sein Entwurf nicht halb so elegant. Sieht ein bisschen nach abgebrochenem Hacken aus.

Mehr Infos im virtual shoe museum.

restaurant greetje

[Kultur]
Nachdem ich hier schon öfter über die mangelnden kulinarischen Künste der Niederländer gejammert habe, werde ich jetzt mal aus dem Nähkästchen plaudern. Es gibt ja Restaurants, die sind so gut, dass man sie am liebsten für sich behalten würde, aber gleichzeitig aller Welt davon erzählen möchte. Hin- und hergerissen habe ich mich soeben zu Letzterem entschlossen.

Zur Plaudertasche macht mich Restaurant Greetje in Amsterdam. Seitdem ich dort gegessen habe, habe ich das dringende Bedürfnis, jeden Amsterdam-Besucher hinzuschleppen. Denn wer bisher dachte, niederländische Küche bestünde nur aus bis zur Unkenntlichkeit fritierten Fleischresten unter einem schweren Mayonnaise-Jäckchen, wird dort eines Besseren belehrt. In einem delftblautapezierten, eher unprätenziösen Interieur serviert das Besitzerpärchen (ein Niederländer und ein Thailänder, für den echt holländischen Touch) Köstlichkeiten wie friesische Zuckerbrotsandwiches mit Entenleber, geschmorte Schweinebäckchen mit Apfel-Kartoffelbrei und Crème brulée mit Süßholz. Fazit: eine Insel der Glückseligen in der kulinarischen Wüste. Da kann man nur hoffen, dass Greetje nicht irgendwann doch noch den Weg aller guten Amsterdamer Restaurants geht und zur Touristenfalle wird.

art rotterdam

[Kunst]
Gestern wurde die diesjährige Art Rotterdam eröffnet. Sie läuft bis 12.2. im Passenger Terminal (den alten Abfertigungshallen von Van den Broek en Bakema) auf der Hafenhalbinsel Kop van Zuid.

Von der Reizüberflutung, die einen bei den meisten Kunstmessen überkommt, ist die Art Rotterdam weit entfernt. Nur 73 Galerien stellen aus, und die Atmosphäre ist ziemlich entspannt. Die meiste Kunst ist wohnzimmerwandtauglich, ohne namenlos/kitschig/inhaltsfrei zu sein, und die Preise für ein ordentliches Kunstwerk fangen schon bei 400 Euro an. Aber selbst die muss man dank der großartigen niederländischen kunstkoopregeling gar nicht haben: Es reichen 45 Euro aufwärts. Wer in den Niederlanden wohnt, kann nämlich Kunst im Wert von 450 bis 7000 Euro bei einer Anzahlung von nur zehn Prozent mit einem zinslosen Kredit finanzieren. Die Zinsen übernimmt die Mondriaan Stiftung. Wenn das nicht großzügig ist.

Großer Trend ist dieses Jahr übrigens Handarbeit. An allen Ecken und Enden wird gestrickt, gestickt, geknüpft und laubgesägt. Fotos gibt es auch jede Menge, dafür will aber offenbar niemand mehr Videos haben.

stigter1
Amie Dicke, Tanya, 2006, Galerie Diana Stigter

stigter2
Iris van Dongen, With grace and pleasure, 2006, Galerie Diana Stigter

welters
Alex Winters, 13b, 2006, Galerie Fons Welters

zomeren
Wilfredo Prieto, Huella/Footprint , Galerie Martin van Zomeren

baars
Damien Hirst, Bromphenol Blue, 2005, Willem Baars Art Consultancy

reiher in amsterdam

[Kurioses]
Touristen staunen oft nicht schlecht, wenn sie bemerken, dass der vermeintliche Plastikvogel, der absolut reglos auf dem Dach eines Hausbootes sitzt, tatsächlich lebendig ist. Wohnt man in Amsterdam, gewöhnt man sich daran: In der Stadt wimmelt es von Graureihern. Sie snacken die Goldfische aus frisch angelegten Teichen, hinterlassen pfannkuchengroße Flatschen auf den Motorhauben geparkter Autos, können angeblich sogar komplette Kaninchen verschlingen und sind dementsprechend nicht allzu beliebt. Andererseits sind sie erstaunlich zutraulich: Auf meinem Weg zum Büro hockt jeden Morgen um 9.30 Uhr ein Reiher vor einer Haustür an der Admiralengracht und wartet darauf, dass er vom Bewohner gefüttert wird.

reiher schoffies

Ich war immer schwer beeindruckt von der Pünktlichkeit dieses Vogels. Seit ich aber neulich vom Dokumentarfilm "Schoffies" ("Halunken") gehört habe, weiß ich, dass mein wartender Reiher gar nicht so hochbegabt ist, wie ich dachte. Offenbar gibt es in Amsterdam-Oost eine Straße, in der eine ganze Horde von Reihern sich angewöhnt hat, mit den Briefkastenklappen an den Haustüren zu scheppern, wenn sie nicht pünktlich gefüttert werden. Der Regisseur des Films ist davon überzeugt, dass Reiher und Amsterdamer eine Seelenverwandtschaft verbindet: Beide seien etwas schäbig und asozial, aber im Grunde liebenswert. (Disclaimer: Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für die Richtigkeit von Aussagen Dritter.)

Der Film ist diese Woche im Ketelhuis zu sehen.

nl architects gewinnen in groningen

[Architektur]
Hab ich also doch falsch gelegen mit meiner Vermutung, dass die Blümchen sich durchsetzen würden: NL Architects haben den Wettbewerb für das Groninger Forum haushoch gewonnen. Die Einwohner Groningens und die Fachjury waren sich einig - das kommt nicht oft vor. Insgesamt haben über 20 000 Architekturfreunde auf der Website abgestimmt. Jetzt muss nur noch der Stadtrat einverstanden sein, dann wird der Entwurf realisiert.

nl architects