Tante Emma

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2006-11-29 Tante EmmaEs gibt schon kuriose Kunstinitiativen... Im Rahmen des ziemlich unterschätzten Artwalk Amsterdam - einer Kunstroute in der Staatsliedenbuurt im Stadtteil Westerpark - eröffnet Tilmann Mayer-Faje heute einen echt deutschen, temporären Tante-Emma-Laden in der Van Hoopstraat. Dienstag bis Samstag zwischen 17 und 19 Uhr kann man dort alles kaufen, was man für die Adventszeit so braucht, aber im niederländischen Supermarkt nicht findet: Zimtsterne, Dominosteine, deutschen Wein, deutsches Bier und so weiter. Es finden auch regelmäßig Sonderveranstaltungen statt. Gespannt sein darf man auf den "legendären Wurstabend mit dem Vorsitzenden des Wurstclubs" am 9. Dezember. ![]() 2006-11-27 delfter toastGut, allzu neu ist das Projekt TableManners vom Rotterdamer Designstudio Minale Maeda nicht. Es war zum Beispiel schon letztes Jahr im Randprogramm der Kölner Möbelmesse zu sehen. Aber schön ist es doch immer wieder. ![]() ![]() 2006-11-23 poldermoscheenDie Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders hat bei den gestrigen Wahlen neun Sitze im niederländischen Parlament erobert. Was das in einem Design-Weblog zu suchen hat? Noch vorgestern hörte ich Wilders im Fernsehen sagen: "Wir finden, dass es in den Niederlanden genug Islam auf der Straße gibt." Es geht nun also offenbar nicht mehr nur um soziale Konflikte, sondern um die reine Sichtbarkeit einer anderen Kultur im Straßenbild. Und das bringt uns zum Thema Moschee-Neubauten in den Niederlanden. Trotz des immer stärker werdenden Anti-Islamismus sind nämlich momentan diverse muslimische Gotteshäuser im Bau, und wurde die Mevlana-Moschee gar kürzlich zum schönsten Gebäude Rotterdams gewählt - vor der Erasmusbrücke. ![]() Mevlana-Moschee in Rotterdam, Bert Toorman, Baujahr 2005 Man darf annehmen, dass sie vor allem deshalb gewonnen hat, weil sie so schön traditionell aussieht. Da ist die Religion dann plötzlich egal. Natürlich ist gegen Islam im Straßenbild meiner (leider nicht wahlberechtigten) Meinung nach gar nichts einzuwenden. Aber absurderweise nimmt er, sofern es um Architektur geht, meistens solch disneylandeske Formen an. Hier noch zwei aktuelle Moschee-Projekte: ![]() Essalaam-Moschee in Rotterdam, Molenaar & Van Winden Architecten, Fertigstellung 2007 ![]() Westermoschee in Amsterdam, Marc und Nada Breitman, Fertigstellung vorraussichtlich 2007 Ist das nun falsch verstandene politische Korrektheit? Oder nur Folklorismus? Spannende Frage. Auf die Idee, eine neue christliche Kirche in romanischem oder gotischen Stil zu bauen, ist bisher seltsamerweise noch niemand gekommen. Dagegen wirkt ein neuer Moschee-Entwurf vom jungen türkisch-niederländischen Büro Memar.Dutch geradezu erfrischend modern. Die Annasr-Moschee soll in Rotterdam stehen und neben dem Gotteshaus auch einen Friseursalon, einen Laden und eine "Maroc-Lounge" beherbergen. Letztere wird von den Architekten auch als "Pre-Pray"-Raum bezeichnet. Womit wir vielleicht doch in der Gegenwart angekommen wären. ![]() 2006-11-21 wanders vs. de appelMarcel Wanders hat dem Stadtteil Zentrum ein altes Schulgebäude im Jordaan abgekauft. Er will dort sein Atelier und seine Firma Moooi unterbringen und die restlichen Räume an junge, kreative Betriebe vermieten. So weit, so gut. Allerdings hatte auch Ann Demeester, Direktorin des Kunstzentrums De Appel, ein Auge auf den Bau geworfen. Schon vor zwei Jahren entwickelte sie auf Anfrage der Stadtteilverwaltung ein Konzept für den Umbau des Hauses zum Kulturzentrum, in dem neben De Appel auch die Medienkunststiftung Montevideo, zwei Galerien für zeitgenössische Kunst, eine Mediathek sowie einige Künstlerateliers sitzen sollten. Vom Verkauf des Baus an Wanders hat sie aus der Zeitung erfahren und ist dementsprechend stinkig. De Appel muss 2009 sein derzeitiges Zuhause in der Nieuwe Spiegelstraat verlassen, denn dann läuft der Mietvertrag aus. Demeester droht nun, mitsamt ihrem Kunstzentrum ins billigere Rotterdam abzuwandern - was so viel heißt wie zum Feind überzulaufen. Jetzt kann man nur abwarten, wie wichtig der Stadt Amsterdam ihr wahrscheinlich bester und international renommiertester Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst ist. Fürs erste hat mit Wanders jedenfalls die freie Marktwirtschaft gesiegt. kroketWas vermissen Niederländer, die im Ausland wohnen, am meisten? Kroketten, wie ich gestern aus der Zeitung erfahren habe. Mir persönlich ist ein Rätsel, was man an den Dingern vermissen kann. Sie bestehen in der Regel aus Fleischresten oder einigen wenigen Nordseekrabben in Bechamelsauce, in Panade gewälzt und in die Friteuse gesteckt. Wenn sie frisch, heiß und nicht bis zur Unkenntlichkeit fritiert sind, können sie noch ganz lecker sein. Die geläufigste Variante liegt allerdings stundenlang in einem Schublädchen mit Glasfront in einer Häuserwand herum und hat höchstens Körpertemperatur. "Eten uit de muur", "Essen aus der Mauer" heißt das dann und wird vorzugsweise bei einer Fastfood-Kette namens Febo verzehrt - Slogan: "de lekkerste!". Wer der Niederländer Leibgericht trotzdem probieren möchte, sollte das vielleicht bei einer Adresse aus diesem Krokettentest tun. Wichtiger Hinweis dazu: Im niederländischen Notensystem sind hohe Zahlen besser als niedrige.Die Liebe der Niederländer zu ihrer kroket beweist auch ein ausführlicher niederländischer Wikipedia-Eintrag, in dem sogar die durchschnittliche Länge und Dicke des Fritierguts aufgeführt wird. Außerdem lernen wir dort, dass ein gewisser Jaap ter Naam seit 1998 den Weltrekord im Krokettenessen hält: 68 Stück in einer Stunde. Ein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag enthält dagegen den vielsagenden Satz: "Vendors have often tried to market and sell it in other countries, but have failed, even in neighbouring countries like Belgium and Germany." Fotos: Wikipedia 2006-11-17 tord boontje for targetIch geb's zu, auch ich besitze eine Tischdecke und ein paar Müslischüsseln von Tord Boontje. Bisher waren sie mir durchaus sympathisch, mit ihrem modischen roten Blümchendekor auf weißem Grund. Aber seit ich die Fernsehwerbung zu seiner Weihnachtskollektion für die amerikanische Warenhauskette Target gesehen habe, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich fürchte, dass in Zukunft alles, was ich aus den Schüsseln esse, zuckersüß schmecken wird. ![]() Wobei viele Designer vor Neid erblassen dürften angesichts des Riesenauftrags, den Target dem Niederländer beschert hat: 35 Produktentwürfe plus Weihnachtsdeko aller 1500 Filialen plus landesweit ausgestrahlte Werbespots, in denen er auch noch persönlich auftreten und die Käufer mit schwer niederländischem Akzent begrüßen darf. Als ich ihn letztens in einem Interview gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, in Zukunft wieder blümchenlos zu designen, bekam ich die Antwort: "Du würdest doch Zaha Hadid auch nicht fragen, ob sie ihr nächstes Gebäude zur Abwechslung mal gerade bauen würde." 1:0 für Tord. 2006-11-16 one minute awards Am Sonntag werden im Paradiso wieder einmal die One Minute Awards verliehen. Bei der sehr vergnüglichen Veranstaltung, gegründet vom Sandberg Instituut, werden seit 2002 jedes Jahr die besten einminütigen Filme in unterschiedlichen Kategorien präsentiert und prämiert. Größtenteils stammen sie von Künstlern und Designern, aber eigentlich kann jeder mitmachen. Bei manch einem Filmchen wundert man sich zwar, wie lang eine Minute sein kann, aber die meisten sind äußerst kurzweilig. Davon kann man sich auch auf der Website der One Minutes Foundation überzeugen, in deren Archiv jede Menge eingereichte Werke aus den letzten Jahren zu finden sind.wallpaper city guideDie Zeitschrift Wallpaper und der Phaidon-Verlag haben sich zusammengetan und eine Reihe mit Reiseführern im Taschenformat herausgebracht. Vorgestern bin ich in einer Buchhandlung über die Amsterdam-Ausgabe gestolpert und habe sie aus purer Neugier mitgenommen. Was empfiehlt das Lifestyle-Magazin denn so? In der kurzen Einleitung werden zunächst jede Menge Klischees vom Venedig des Nordens und so weiter bemüht - so weit nichts neues. Sie endet allerdings mit einer kuriosen apokalyptischen Prophezeiung: "In these times of climate change, the city may eventually lose its battle with the sea, though if that little Dutch boy of legend takes his proverbial finger out of the dyke, the tourists will still come in their thousands, perhaps by submarine." Hä? Hat der Autor etwa schon vorm Schreiben einen der berüchtigten Amsterdamer Coffeeshops aufgesucht (die im Wallpaper Guide natürlich nicht erwähnt werden)?Allzu inspirierend hat das offenbar nicht auf ihn gewirkt. Es folgt das Kapitel "Landmarks". Ziemlich enttäuschend, ehrlich gesagt. Ganze vier Gebäude, von denen ich höchstens eins als wahrzeichenhaft bezeichnen würde. Das Problem ist natürlich, dass die Wahrzeichen von Amsterdam schon etwas in die Jahre gekommen und dementsprechend nicht wirklich wallpaperig sind. An den restlichen Kapiteln hat man etwas mehr, auch wenn keine wirklich geheimen Geheimtips drinstehen. Seitenfüllende Fotos vermitteln einen Eindruck von Hotels, Restaurants und Shopping-Gelegenheiten, und die Beschreibungen sind zwar kurz, aber treffend. Die Aufmachung ist auch ganz handlich: Der Guide passt in jede Hosentasche, vorne gibt's ein Luftfoto vom Grachtenring, hinten eine Karte der Stadtviertel. Wer nur kurz in Amsterdam ist und möglichst schnell ein paar hippe Läden, Restaurants und Bars finden will, liegt mit dem Guide vielleicht richtig. Mich hat er nicht überzeugt. Ach ja, bevor ich es vergesse: Die Auswahl der Projekte im Kapitelchen "Architektur" ist zum Wegrennen schlecht. 2006-11-07 hans brinker hotelZunächst zur Warnung: Ich kann von einem Aufenthalt in diesem Hotel aus persönlicher Erfahrung nur heftig abraten. Als ich vor 15 Jahren zum allerersten Mal in Amsterdam war, hat es mich dorthin verschlagen. Ich habe damals eine absolut schlaflose Nacht im Sechsbettzimmer verbracht. Und jetzt zum Grund, weshalb ich es hier trotzdem erwähne: Das Hans Brinker Budget Hotel hat eine ebenso unterhaltsame wie dreiste Werbemasche. Nach dem Motto: Wir wissen, dass unser Hotel richtig mies ist. Dann übertreiben wir das doch einfach noch ein bisschen und verkaufen es als Kult. Ja, ja, das Kaufmannsvolk... ![]() Die Werbekampagne stammt von der Agentur KesselsKramer, über deren insgesamt ziemlich unkonventionelle Arbeit auch gerade eine Ausstellung in der Rotterdamer Kunsthal zu sehen ist. Die fehlergespickte Homepage des Hotels gehört natürlich ebenfalls zum Konzept. Man beachte das hübsche Filmchen zum Thema "Room Service". ![]() 2006-11-02 theater lelystadEnde des Jahres wird das neue Stadttheater in Lelystad von UN Studio fertiggestellt. Ich war kürzlich dort, obwohl das Gebäude noch nicht ganz fertig ist, und ich kann ohne zu Zögern sagen: Es knallt. Lelystad ist, ebenso wie Almere, eine Retortenstadt auf den "neuen" Poldern im IJsselmeer. Wenn man aus dem Zug steigt, packt einen zunächst das große Gähnen. Das Stadtzentrum besteht aus einer völlig gesichtslosen Fußgängerzone mit kleinmaßstäblicher, fensterkittgrauer Architektur aus den frühen 80er Jahren. Mitten aus dieser Ödnis erhebt sich nun aber der kristalline, grell mangofarbene Berg des Theaters. Von weitem sieht er wirklich spektakulär aus. Aus der Nähe fand ich das Material etwas enttäuschend: Die gesamte Fassade besteht aus Trapezblech, was eine gewisse Baumarkt-Atmosphäre erzeugt. ![]() Wie dem auch sei: In der Schläfrigkeit von Lelystad hat das Gebäude einen ausgesprochenen Wachmacher-Effekt. Ein behutsamer Eingriff in den Stadtzusammenhang ist das wahrlich nicht. Aber vielleicht tut das dem Städtchen mal ganz gut. Ich bin gespannt aufs fertige Produkt. ![]() ![]() Foto und Renderings: UN Studio
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