|  2006-08-31
Von Anneke Bokern @ 12:52 Letzte Woche fand in Amsterdam der "Tag der Einbürgerung" statt. Jeder Ausländer, der an diesem Tag die niederländische Staatsbürgerschaft erhielt, bekam von der Stadt ein Geschenk dazu, geschaffen vom chinesisch-niederländischen Künstler Ni Haifeng.
Haifeng (geb. 1964), der seit 12 Jahren in Amsterdam wohnt, modellierte für die Neuniederländer Kartoffeln aus Delfter Porzellan. Sehr schöne Aktion. Ein treffenderes Einbürgerungsgeschenk kann ich mir kaum vorstellen.
 2006-08-30
Von Anneke Bokern @ 10:32 Sobald ein Niederländer französische Vokabeln benutzt, muss man sich drauf gefasst machen, dass es gleich teuer wird. Beweis gefällig? Soeben erlebte ich in einer Reinigung folgende Szene: Ich legte meine Schmutzwäsche auf die Theke und sagte zum Herrn dahinter: "Ik heb een broek, een jas en een pak" ("Ich habe hier eine Hose, eine Jacke und einen Anzug"). Daraufhin zückte er seinen Quittungsblock und notierte, laut aufzählend: "Een pantalon, een colbert en een costume", um mir dann in plattem Amsterdamer Dialekt mitzuteilen, dass das 52 Euro macht.
2006-08-24
Von Anneke Bokern @ 13:47 Am Samstag startet im Boijmans Museum in Rotterdam eine Ausstellung über einen meiner liebsten niederländischen Konzeptkünstler: Bas Jan Ader.
Ader, geboren 1942, untersuchte in seinen wenigen Werken das Zufällige, Schicksalhafte und Spielerische. In einer Reihe von sekundenkurzen Filmchen sieht man ihn zum Beispiel vom Dach seines Hauses kullern, von einem Ast in einen Kanal fallen, in den Dünen vom Wind umgeweht werden und mit dem Fahrrad in eine Gracht radeln.
Bekannt ist er aber vor allem aufgrund seines Endes. 1975, gerade 33 Jahre alt, verschwand er spurlos auf See. Unter dem Titel "In Search of the Miraculous" wollte er ein großes Kunstprojekt durchführen, das daraus bestand, in einem winzigen Segelboot alleine den Atlantik zu überqueren. Er stach an der Ostküste der USA in See, mit Groningen als Ziel. Ein Jahr später wurde sein Boot bei La Coruña angespült - ohne den Künstler. In seinem Schrank in Los Angeles fand man ein Buch über den Segler Donald Crowhurst, der 1968 gefälschte Tagebucheinträge einer angeblichen Weltumseglung veröffentlicht hatte und dann auf See über Bord gegangen war.
Die Ausstellung "Please Don't Leave Me" ist bis 5. November zu sehen und wird vom ersten Katalog über Aders Werk seit 1988 (!) begleitet. Und hier noch ein Artikel von jemanden, der genauso begeistert ist wie ich.

Von Anneke Bokern @ 13:28 Wer sie noch nicht im Vitramuseum gesehen hat, kann sich die Ausstellung "Airworld. Design und Architektur für die Luftfahrt" bis 5.11. im Stedelijk Museum in Amsterdam anschauen.
Präsentiert wird eine sehr vergnügliche Mischung aus Stewardessen-Uniformen (siehe oben Werner Machniks Entwürfe für die Lufthansa, die von 1970 bis 79 im Einsatz waren), Flughafenarchitektur, Plastikgeschirrdesign, Plakatentwürfen, Sitzprototypen, Werbefilmen und so weiter. Das einzig enttäuschende an dieser Ausstellung ist, dass sie mit dem Interieurentwurf für die neue Boeing endet - und der schneidet mit seinen Retrorundungen in Bonbonfarben im Vergleich ganz schön schlecht ab. Statt dessen hätte man sich eher einen abschließenden Blick auf die Entmondänisierung des Fliegens dank Billig-Airlines sowie die dazugehörigen Designs gewünscht. 2006-08-21
Von Anneke Bokern @ 10:32 Kleiner Hinweis für Amsterdam-Besucher: Bis Ende August macht Architekturzentrum Arcam einen Probelauf mit Architekturführungen per GPS. Im Architekturzentrum am Oosterdok kann man für 15 Euro einen mobilen City Navigator ausleihen, der einen zu den wichtigsten architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt führt und dort ein paar Infos über Architekt und Baujahr gibt. Allzu detailliert wird das nicht sein, erspart einem aber sicherlich (vor allem auf dem Fahrrad) das nervige Gefummel mit Stadtplan und Architekturführer.
 2006-08-17
Von Anneke Bokern @ 13:38 Da wohnt man jahrelang in dieser Stadt und hat sich noch nie zu einem der coolsten Ausflüge ins Umland aufraffen können... Am letzten Sonntag habe ich das nachgeholt. Ich + Freund + Fahrräder bestiegen hinter dem Hauptbahnhof die Fast Ferry nach IJmuiden.
Die Fahrt ging in rasantem Tempo den Noordzeekanaal hinab durch den Amsterdamer Hafen, bis nach etwa 20 Minuten die Hochöfen von IJmuiden ins Blickfeld kamen. Und da das Boot ein öffentliches Verkehrsmittel ist (es gibt tatsächlich Leute, die damit jeden Tag in ihre Zeitung vertieft zur Arbeit pendeln!), kostet es auch kein Vermögen.
In IJmuiden radelten wir ziemlich ziellos Richtung Meer, die schmauchenden Hochöfen auf der anderen Kanalseite immer im Blick, und landeten erstmal im Hafen.  Häfen sind ja immer spannend: verfallene Industriehallen, Fischernetze, Seelenverkäufer aus Monrovia und Valletta, von Rost überwucherte Maschinen... und mittendrin eine Tapasbar. Danach ging's zum Strand, der hier ungewöhnlicherweise von mehreren Reihen Hüttchen gesäumt wird. Nicht, dass die Hüttchen an sich ungewöhnlich wären - sie finden sich in so ziemlich jedem Strandort. Aber normalerweise gibt es nur eine Reihe.  Durch die dichte Besiedlung wirkt der Strand in IJmuiden eher wie eine Schrebergartenkolonie. Obendrein stehen die Häuschen hier in einem höchst kuriosen Setting zwischen Hochöfen, Hafen und Dünen, die mit Bunkerruinen aus dem Zweiten Weltkrieg gespickt sind. Unser Weg führte uns dann durch den eher trostlosen Ort IJmuiden, bis wir uns plötzlich in einem englischen Landschaftspark wiederfanden.  In Velsen, direkt neben IJmuiden, liegen nämlich drei sogenannte "buitenplaatsen", also ehemalige Sommerresidenzen reicher Amsterdamer Kaufleute. Größer hätte der Kontrast kaum sein können. Auf einmal war alles sehr gepflegt und pittoresk - keine Spur mehr von Stahlverarbeitung und stinkigen Fischresten. Ein klassischer Ort für den Satz: "Hier müsste man nochmal mit den Eltern herkommen". Und nachdem wir diesen löblichen Entschluss gefasst hatten, machten wir uns auf den Rückweg zur Fähre nach Amsterdam. 2006-08-11
Von Anneke Bokern @ 12:51 Es gibt Dinge, die sind wirklich nur in den Niederlanden ein Problem. Zum Beispiel: Wie esse ich einen Matjes-Hering, ohne dass hinterher meine Finger stinken? Matjes gibt es zwar auch anderswo, aber nur in den Niederlanden ist er sushihaft zart und wird traditionell gegessen, indem man das ganze rohe Fischfilet mit den Fingern am Schwanz packt, den Kopf in den Nacken legt und es dann in zwei, drei großen Bissen weghapst. Saucen und andere Beigaben sind ebenso verpönt beim Genuss des Jungherings wie Messer und Gabel. Aber was, wenn man danach jemandem die Hand schütteln muss?
Einige Produktdesign-Studenten der Hogeschool Rotterdam haben jetzt im Auftrag der Firma Schmidt Zeevis eine Lösung für das Problem gefunden: den Heringsclip. Er ist so einfach, dass man sich fragt, warum noch niemand vorher drauf gekommen ist. Deshalb wurden auch gleich 50 000 Stück davon produziert, fand das Wort "haringclip" Eingang ins Große Wörterbuch der Niederländischen Sprache und hat die Kunsthal Rotterdam dem Plastikkneifer eine Ausstellung gewidmet. Noch bis 1. Oktober kann man dort die Entstehung des Wunderwerks von der ersten Skizze bis zum Prototyp sehen.
 2006-08-09
Von Anneke Bokern @ 13:56 Vorgestern überraschte mich mal wieder ein sommerlicher Regenschauer, als ich auf dem Fahrrad Richtung Leidseplein strampelte. Ich flüchtete mich also unters trockene Vordach des Stadttheaters, wo sich bereits eine ziemlich gemischte Gesellschaft aus Touristen und Amsterdamern eingefunden hatte. Noch gemischter wurde sie, als sich zwei Polizisten auf Pferden dazugesellten. Während die Touristen begeistert ihre Kameras zückten, hörte ich hinter mir eine holländische Stimme spötteln: "Die haben ja heutzutage auch keinen Mumm mehr in den Knochen." Kaum gesagt, packten die beiden Polizisten je einen dunkelblauen Regenponcho aus und begannen ihn in aller Ruhe umzulegen. Dann warteten sie so lange, bis es nur noch ganz schwach nieselte, und ritten schließlich wasserfest verpackt von dannen. Und das in einer Stadt, wo die Frauen sogar frühmorgens im Winter mit ungeföhnten, klatschnassen Haaren zur Arbeit radeln...
 2006-08-06
Von Anneke Bokern @ 15:19 Gummistiefel soll man mitnehmen, stand auf der Website. Ich besitze keine Gummistiefel. Das heißt dann wohl, dass ich auch nach fast sieben Jahren in den Niederlanden noch nicht ordentlich eingebürgert bin.
Trotz Gummistiefelmangels sind wir gestern zum Fort Asperen gefahren, um die Installation "Fort Asperen Ark. A Peter Greenaway Floodwarning" zu begutachten. Das Fort gehört zur sogenannten Hollandse Waterlinie, die an sich schon eine spannende Sache ist. Das Land vor dieser Deichlinie, die sich östlich der großen Städte von Nord nach Süd durch ganz Holland zieht, konnte früher geflutet werden, um Feinde am Eindringen zu hindern. Es verwandelte sich dadurch in eine knietiefe Matsche, durch die sich kaum ein Soldat quälen wollte. Mit der Erfindung des Flugzeugs wurde die Waterlinie allerdings nutzlos, und die Forts, die sie bewachten, begannen zu verfallen.
Inzwischen versucht man, die kulturhistorisch wertvolle, aber recht unbekannte Waterlinie wieder etwas ins Rampenlicht zu rücken. Unter anderem deshalb findet im Fort Asperen, einer der idyllischsten Fortruinen der Reihe, alle zwei Jahre im Sommer eine Ausstellung oder ein Kunstprojekt statt. Dieses Mal durfte Peter Greenaway das Fort in eine apokalyptisch angehauchte Anti-Global-Warming-Installation verwandeln.
Spätestens seit dem Nachtwachen-Spektakel im Rijksmuseum stehe ich Greenaway ja eigentlich etwas skeptisch gegenüber. Aber die Inszenierung in Asperen ist durchaus effektvoll. Der gesamte Keller des Forts steht knöcheltief unter Wasser - dafür die Gummistiefel. In den Seitenräumen hat Greenaway jeweils einen Koffer plaziert, der etwas enthält, was man im Falle einer Sintflut dringend mit auf die Arche nehmen sollte. Glühbirnen, ein Schwein, Knöpfe, saubere Bettwäsche, Trinkwasser, Fisch, Besteck, etc. Das ganze natürlich perfekt ausgeleuchtet und mit einer bedrohlich wummernden Soundinstallation versehen.
Insgesamt ist die Inszenierung vielleicht etwas zu nostalgisch dekorativ, macht aber auf jeden Fall Spaß. Dank der Wasserschicht - Gummistiefel gibt's übrigens am Eingang zu leihen - wird das klamme Fort zu einer Mischung aus Geisterbahn und Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Man stapft durchs Wasser, schleicht um dustere Ecken und entdeckt plötzlich die alte Latrine, eine Inschrift an einer Wand oder eben wieder einen von Greenaways Koffern, während es im Hintergrund konstant tröpfelt und plätschert. 2006-08-03
Von Anneke Bokern @ 15:15 Der niederländische Fernsehsender VPRO lässt im Sommerloch verschiedene sogenannte BNers ("Bekende Nederlanders", also Promis) je einen persönlichen Fernsehabend zusammenstellen. Am kommenden Sonntag ist Joep van Lieshout dran, Vater zahlreicher Caravanskulpturen ebenso wie des Gebärmutterbetts und des ersten S/M-Trimmdich-Geräts.
Der Vorankündigung zufolge dürfen wir uns auf einen bunten Abend freuen. Joep schafft es offenbar, Benny Hill, Albert Speer und Bruce Nauman unter einen Hut zu bringen. Wer das sehen will, sollte am 6.8. um 20.30 Uhr Nederland 3 einschalten. |