horse move

[Kultur]
Amsterdam ist nicht gerade reich an Unorten, Brachflächen, Freiräumen oder ähnlichem. Wer als Künstler ein Billigatelier oder als Veranstalter einen schön heruntergekommenen Ort sucht, der tut in der Regel gut daran, nach Rotterdam auszuweichen. Da stehen die Chancen noch etwas besser. Aber man hat in den Niederlanden ganz allgemein einen Hang zur Institutionalisierung von Subkulturen. Individualistische Initiativen schnellstmöglich in geordnete Bahnen zu lenken, ist offenbar eine der Grundlagen der vielgepriesenen niederländischen Toleranz. Selbst die schrägsten Vereine oder Künstlerinitiativen gründen hier ratzfatz eine Stiftung und bekommen von der Stadt ganz ordentlich einen Raum zugewiesen (sowas nennt sich dann "broedplaats", also "Niststätte").

Eine andere Möglichkeit, sich legal eines Unterkommens zu bemächtigen, ist "kraken", also hausbesetzen. Das hat ein Häuflein Jungkünstler kürzlich mit einem ungenutzten Abstellraum neben dem Post-CS-Gebäude getan. Jetzt zeigen sie dort unter dem Namen Horse Move jedes Wochenende eine Ausstellung mit Kunst, die es so schnell nicht ins Stedelijk Museum im Nachbargebäude schaffen wird. Der jeweilige Künstler darf den nächsten Teilnehmer einladen. Nach drei Monaten soll das Projekt beendet sein. Mal sehen, wie lange der Bau danach wieder leersteht.

horse move

Hans van der Meer

[Kunst]
Letzte Woche habe ich den Amsterdamer Fotografen Hans van der Meer interviewt. Er ist momentan vielbeschäftigt, denn bald ist Fußballweltmeisterschaft, und Van der Meer ist berühmt für seine Fotos von Boltzplätzen in aller Welt. Dennoch stellte er sich als sehr freundlich und redselig heraus, erläuterte mit ausführlich seine Faszination für Laien-Fußball ("Das ist doch toll, all die völlig untrainierten Männer, die die Posen ihrer Helden aus dem Fernsehen nachahmen"), dörfliche Sportplätze ("Diese Orte sind ehrlich. Kein Design, keine Raumplanung.") und Mentalitätsunterschiede auf dem Fußballplatz ("Deutsche schreien gerne rum. Italiener fassen einander an - da steckt viel Liebe drin. Und die Portugiesen sind die größten Heulsusen. Aber Männer sind sowieso unglaubliche Heulsusen.")

In diesem Sinne: Hier ein paar Fotos aus dem Buch "European Fields: The Landscape of Lower League Football", erschienen bei Steidl.

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amsterdamer bohème

[Kurioses]
Samstag, 27.5., auf dem Leidseplein vorm Geldautomaten. Ich stehe wartend in der Schlange der Konsumfreudigen, als von links ein etwas abgerissen aussehender junger Mann mit Gitarre unterm Arm kommt und jemanden in der Schlange hinter mir auf Englisch mit spanischem Akzent begrüßt.

A: "Hallo, Mann, wie geht's? Lang nicht gesehen!"
B: "Och ja, ganz gut. Und Dir?"
A: "Gut, Mann. Komme gerade von einem Trip nach England zurück."
B: "Spielst Du immer noch auf der Straße Gitarre?"
A: "Ja, Mann, und das läuft prima. Amsterdam ist cool. Ich hab in zwei Monaten über 6000 Euro verdient. Davon war ich dann drei Monate lang in England im Urlaub. Letztes Jahr hab ich in Barcelona gespielt, da konnte ich mir kaum ein Brötchen kaufen von meinen Einnahmen."
B: "Boah..."
A: "Ja, hier kann man richtig Geld verdienen. Ich steh' jeden Tag so eine Stunde oder zwei vorm Supermarkt. Mehr nicht. Da spiel ich ein paar Liedchen von Bob Dylan. Dann geh ich nach Haus."
B: "Mensch, das lohnt sich ja richtig."
A: "Ja, sag ich doch. Aber ich bin trotzdem pleite. Ich kann nicht mit Geld umgehen. In den drei Monaten in England hab ich alles durchgebracht. Hier ein Bier, dort ein Essen. Ich brauche einfach echt viel Geld zum Leben. Jetzt muss ich wieder ein bisschen Gitarre spielen. Schließlich will ich in drei Wochen nach Griechenland."

In diesem Moment war ich am Kopf der Schlange angelangt und musste meinem Kontostand ins Auge blicken. Ich hab offenbar den falschen Job. Und ich werde in Zukunft gut nachdenken, ehe ich einem Straßenmusikanten in Amsterdam eine Münze in den stilvoll abgewetzten Hut werfe.

Don Quijote

[Kunst]
Seit Ende April läuft im Kunstzentrum Witte de With in Rotterdam die erste Ausstellung, die der neue (deutsche) Direktor Nicolaus Schafhausen kuratiert hat. Sie widmet sich dem Don-Quijote-Syndrom: spinnerten Ideen, zum Scheitern verurteilten Experimenten, Windmühlenkämpfen, dem Seltsamen und hoffnungslos Romantischen. Kurz: Das Witte de With, das unter Catherine David doch recht verkopft war, bietet endlich mal wieder was für Herz und Auge. Was allerdings nichts daran ändert, dass ich gestern Nachmittag im Kunstzentrum mutterseelenallein war...

maersk
Sven Johne, Ship Cancellation, 2004

garland
Ryan Gander, Your Clumsiness is the Next Man’s Stealth, 2005

hunt
William Hunt, The impotence of radicalism in the face of all these extreme positions, 2005

walker
Richard T. Walker, Successive inconceivable events, 2005

sportplaza mercator

[Architektur]
Mein altes Nachbarschafts-Freibad, das Jan van Galenbad, ist schon seit ein paar Jahren eine Baustelle. Ton Venhoeven baut das ehemals ziemlich spartanische Schwimmbad zur "Sportplaza Mercator" um. Ich glaube, das Warten wird sich lohnen. Zum Beweis ein paar Renderings.

modell render render2 render3

Von der Rundum-Begrünung ist natürlich noch nichts zu sehen. Dafür präsentiert sich der Rohbau als schwarzes Objekt mit spannenden Faltungen und kantigen Ausbuchtungen. Einzig ein kleiner Seitenbau ist schon fertiggestellt: In ihm sitzt eine bekannte Hühnerbraterei, die die Jugend der umliegenden Stadtteile zur feierlichen Eröffnung ihrer neuen Filiale gleich mit Gratis-Schenkeln bis zum Abwinken angefixt hat.

kunsthal nix wert

[Architektur]
Die Kunsthal in Rotterdam, 1992 von OMA gebaut, ist nichts wert. Das hat ein niederländischer Richter befunden. Klingt nicht gut, aber Direktor Wim Pijbes freut sich drüber. Er sollte nämlich ordentlich Immobiliensteuern für das Gebäude bezahlen, das von der Gemeinde als Gewerbeimmobilie eingestuft wurde. Vor Gericht erklärte er, Koolhaasens erstes Werk sei völlig unverkäuflich, weil es nur als Kunsthalle benutzt werden kann. Der Richter fand das einleuchtend.

Jetzt wollen auch das Boijmans Museum und das NAi amtlich ihre Wertlosigkeit feststellen lassen.

weteringcircuit-horror

[Architektur]
Der Weteringcircuit ist ein Platz im Zentrum von Amsterdam. Ich glaube inzwischen aber, dass er in Wirklichkeit ein Intelligenztest für Verkehrsteilnehmer ist. Seit ich in dieser Stadt wohne, ist er eine einzige, gigantische Baustelle. Es wird dort eine Haltestelle für die zukünftige Nord-Südlinie der Metro angelegt, und offenbar soll aus diesem Anlass auch der gesamte Platz neu gestaltet werden. Das verspricht jedenfalls diese Computeranimation:

wetering

Er wird auch fleißig neugestaltet. Und zwar jeden Tag aufs Neue. Nie weiß man, wie die Wegeführung am nächsten Morgen aussehen wird. Konnte man heute geradeaus über den Platz radeln, muss man morgen einen Bogen rechtsrum fahren. Zur Hauptverkehrszeit, wenn hunderte Radfahrer zwischen den Bauzäunen durchzischen, Straßenbahnen aus unerwarteten Richtungen heranbimmeln und englische Herrenreisegruppen von der Vijzelstraat in Richtung Heineken-Brauerei strömen, führt das zu interessanten zwischenmenschlichen Begegnungen. Vor allem japanische Touristenpärchen verirren sich immer wieder gern auf die provisorischen Radwege, wo sie ihres Lebens nicht sicher sind.

Auch andere Amsterdamer sind begeistert, wie diese angeregte Diskussion auf Flickr.com belegt.

wetering
Foto: Ir.Drager via www.flickr.com

pinc konferenz

[Kultur]
Nicht, dass ich annähme, unter meinen geschätzten Lesern seien viele, die mal eben 900 Euro für einen inspirierenden Tag hinblättern könnten. Aber ich kann mir trotzdem nicht verkneifen, auf die diesjährige PINC-Konferenz hinzuweisen, die am 16.5. in Breukelen bei Utrecht stattfindet. Das Event richtet sich an Kreative mit Kohle - sprich Werber, Fernsehleute, Chefredakteure, Art Directors etc. - und soll ganz einfach stimulierend auf die kleinen grauen Zellen wirken.

Das Programm besteht aus Vorträgen höchst gemischter Natur: Aus dem Nähkästchen plaudern werden dieses Jahr unter anderem der Sohn von Jacques Cousteau; ein Chirurg, der die Möglichkeit von Gesichtstransplantationen erforscht; ein Mann, der 18 Jahre lang zu Fuß über die Erde gepilgert ist; ein chinesischer Abgas-Experte sowie ein ehemaliger Anwalt aus den Niederlanden, der in Kenia einen Fußballclub für Straßenkinder gegründet hat. Jede Menge schöne Geschichten also.

blaue häuser fast weg

[Kunst]
Bis vor kurzem stand am Beukelsdijk in Rotterdam diese komplett knallblau gestrichene Häuserzeile. Es handelte sich um das Projekt Beukelsblauw vom Künstler Florentijn Hofman, der damit auf die entmieteten, zum Abriss bestimmten Gebäude aufmerksam machen wollte.

blau blau2

Vorgestern war ich mal wieder dort - und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass nur noch ein blaues Haus übrig ist. Wie ein einsamer Milchzahn steht es in der Lücke, die jetzt mit Schuttresten gefüllt ist. Aber offenbar bin ich nicht allein in meiner Trauer: Einige Fans des Projekts haben eigens eine Website für Kondolenzbezeugungen eingerichtet.

sloop
Foto: Jaap Joziasse, via www.beukelsrouw.tk

finger-reisebericht

[Kurioses]
Sehr kurzweilig: Die freundlichen papierfüßigen Reisenden von www.finging.com hat es nach Holland verschlagen. Man sehe darüber hinweg, dass die Erzählung gegen Ende etwas aus dem Ruder läuft und vielleicht ein wenig zu fantasievoll ausgeschmückt wurde, und genieße den zweiminütigen Trip.

finging
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