|  2006-01-31
Von Anneke Bokern @ 13:26 Es gibt in den Niederlanden einen Menschenschlag, von dessen Existenz ich sonst noch nirgends gehört hatte: den Starverbrecher. Regelmäßig werden im Fernsehen Berichte über Berufskriminelle gebracht, die allgemein bekannt sind, aber aus unerfindlichen Gründen fast nie hinter Gittern sitzen. Das geht so weit, dass sogar die Gattin eines der Oranje-Prinzen früher einmal eine Affäre mit einem landesweit berühmten Kriminellen hatte. Gut, der Prinz wurde wegen seiner eigenwilligen Partnerinnenwahl von der Thronfolge ausgeschlossen. Aber ansonsten reagierte die Öffentlichkeit eher belustigt auf das illustre Vorleben der Prinzgemahlin.
Gestern wurde mal wieder einer jener Profi-Verbrecher festgenommen. Willem Holleder hatte in den 80ern mit der Entführung eines Heineken-Sohns zu tun und hing vorletztes Jahr auch irgendwie im Mord an einem ehemaligen Hells-Angels-Chef drin. Wobei so etwas hier nicht Mord heißt, sondern Liquidation. Und die Fernsehberichte werden nicht etwa von gewöhnlichen Journalisten verfasst, sondern von Spezialisten, die sich "Verbrechensreporter" nennen und eigene Sendungen haben. Diese Shows sind für Außenstehende allerdings etwas schwierig zu verfolgen, weil fast alle Protagonisten mit Vornamen Willem heißen (keine Ahnung, wieso) und oft auch noch verwandt und verschwägert sind. Mafia à la Hollandaise: Hier entgeht einfach keine Subkultur der Toleranz. 2006-01-27
Von Anneke Bokern @ 11:10 Hanno Rauterberg schreibt diese Woche in der Zeit über Kunstschwund in Europa. Während in anderen Ländern Kunstwerke geklaut werden oder auf geheimnisvolle Weise vom Erdboden verschwinden, vernichtet der niederländische Staat seine künstlerischen Besitztümer absichtlich, so Rauterberg:
"Da werden Künstler so üppig gefördert, dass niemand mehr weiß, wohin mit all den angekauften Werken. Nach den Butterbergen gibt es nun Kunstberge, und systematisch werden sie abgebaut – durch Vernichtung."
Davon hatte ich auch schon gehört, wenngleich nur als Gerücht. Der Hintergrund von Rauterbergs knappem Satz ist dieser: Wer in den Niederlanden ein Studium an einer Kunsthochschule abschließt, hat Anspruch auf staatliche Subventionen für seine künstlerische Tätigkeit. Als Gegenleistung für die großzügige Unterstützung mussten die Künstler bis vor einigen Jahren offenbar regelmäßig ein Kunstwerk an den Staat abtreten. Wer nun denkt, dass der niederländische Staat dadurch eine gigantische Sammlung großartiger Kunst zusammengetragen hätte, der irrt gewaltig. Denn natürlich lieferten die Künstler vor allem das ab, was sie sonst nicht loswurden. Unverkäufliches, Misslungenes, Gepfuschtes, kurz: Ausschuss.
Es geht also das Gerücht um, der niederländische Staat habe irgendwo im Land riesige Lager mit weitgehend wertloser Kunst. Dass man nun tatsächlich mit dem Einstampfen begonnen hat, hatte ich bisher noch nicht vernommen. Aber vielleicht ist Hanno Rauterberg da besser informiert als ich.
Von Anneke Bokern @ 10:51 Hier noch ein kleiner Nachtrag zum Hochhausstreit - Ihr erinnert Euch, Montevideo in Rotterdam und Westpoint in Tilburg. Jetzt hat Pi de Bruijn, seines Zeichens kommerzielles Zugpferd des Büros De Architekten Cie. (jawohl, mit Punkt dahinter) auch noch sein Scherflein beigetragen. Im Vinex-Viertel Leidsche Rijn bei Utrecht will er das nun wirklich, definitiv, absolut, unschlagbar höchste Hochhaus der Niederlande bauen. "Belle van Zuylen" - benannt nach einer Utrechter Literatin des 18. Jahrhunderts - soll 262 Meter hoch werden und in der platten Polderlandschaft auf 50 Kilometer Entfernung zu sehen sein. Die Abstufungen, die man am luftwurzelartigen Fuß des Entwurfs sieht, sind übrigens die Terrassen der Wohnungen. Würde mich nicht wundern, wenn das Konstrukt auch noch eine komplette Reihenhaussiedlung überständern soll. Und wie ich die Niederländer kenne, bauen sie das Ding tatsächlich.
 2006-01-24
Von Anneke Bokern @ 18:27 Gestern erhielt Claudy Jongstra den hochdotierten "Amsterdamprijs voor de Kunsten". Wohlverdient, wie ich finde, denn die Filzstoffe der Designerin sind wunderschön. Für ihre Produktion hält sie in Friesland eine eigene Schafherde, deren Wolle vor Ort gewalkt und in einem Atelier in Amsterdam weiterverarbeitet wird. Danach landen sie in Museen, als Gardinen an hippen Orten wie dem Lloyd Hotel, als Material im Atelier von Designern wie John Galliano, als Tagesdecken auf den Betten begüterter Privatpersonen oder, wie in Star Wars Episode I, als Mantel am Leib von Jedi-Rittern.
 2006-01-20
Von Anneke Bokern @ 13:30 Wer im Jahre 2009 von der Rückseite des Amsterdamer Hauptbahnhofes über den Fluss IJ hinweg nach Norden schaut, wird dort, am Fuß des Shell-Hochhauses, einen ziemlich schnittigen Neubau erblicken. Es ist das neue Filmmuseum von Delugan Meissl. Dass die Österreicher das Luxuskino bauen würde, stand schon länger fest, aber erst gestern wurden Bilder vom Vorentwurf veröffentlicht.
Die Entscheidung für Delugan Meissl war eine der ersten Amtshandlungen von Mels Crouwel als Reichsbaumeister. Sein Vorgänger Jo Coenen favorisierte südeuropäische Architekten wie Cruz y Ortiz und schob sich auch gerne selber mal einen Auftrag zu. Crouwel hingegen hat sich für die Dauer seiner Reichsbaumeisterschaft aus seinem Büro zurückgezogen und arbeitet nur noch den Anbau für das Stedelijk Museum aus.
Das Filmmuseum ist eine der wichtigsten kulturellen Institutionen in Amsterdam. Momentan sitzt es in einem Altbau im Vondelpark, nutzt aber auch ein altes Kino in der Marnixstraat als Ausweichstandort.
Über ihren Entwurf schrieben die Architekten:
"Thematisch verhandelt das Filmmuseum auf diese Weise die auch für den Film relevanten Parameter Bewegung und Licht, macht sie zu identitätsbildenden Elementen der äußeren Wahrnehmung und steigert so die ohnehin schon sehr besondere Lage dieses spezifischen Ortes."
Das klingt in niederländischen Ohren offenbar so verquast, dass Archined es nicht einmal übersetzen wollte und den deutschen Originaltext veröffentlichte. Kann man ihnen irgendwie nicht übelnehmen. 2006-01-18
Von Anneke Bokern @ 12:37 2006-01-17
Von Anneke Bokern @ 10:41 Es gibt Ausstellungen, die machen einfach glücklich. "The Gravity in Art" im Amsterdamer Kunstzentrum De Appel ist so eine. Angefangen mit Yves Kleins legendärem "Sprung ins Nichts" (1960), zeichnet sie eine kleine Geschichte der Schwerkraft in der zeitgenössischen Kunst. Da wird gesprungen, gehopst, balanciert, geworfen und geschwebt, dass es eine wahre Lust ist - und das immer schön auf der hauchfeinen Grenze zwischen Slapstick und romantisch-tiefgründiger Erkundung der Naturgesetze. Bis nächsten Sonntag kann man sich noch ansehen, wie Bas Jan Ader in eine Gracht radelt, Fiona Tan von einer Düne rollt oder Joel Tauber mit Hilfe eines Bündels Luftballons fliegen lernt.

Yves Klein, "Journal d'un seul jour, dimanche 27 novembre 1960"

Joel Tauber, "Searching for the Impossible: The Flying Project", 2003 2006-01-11
Von Anneke Bokern @ 12:50 Es ist soweit - das Rembrandtjahr hat begonnen. Denn 2006 jährt sich der Geburtstag des Altmeisters vielleicht zum 400. Mal. Vielleicht? Nun ja, eigentlich ist gar nicht ganz klar, ob er nun 1606 oder 1607 geboren wurde. Aber da man das so schnell nicht herausfinden wird, hat die Stiftung Rembrandt 400 sich einfach für die frühere Variante entschieden.
In den gesamten Niederlanden finden dieses Jahr etwa 30 Ausstellungen zu Ehren Rembrandts statt, allen voran die Schau "Rembrandt und Caravaggio" in Rijksmuseum und Van Gogh Museum. Peter Greenaway - großer Amsterdamfan mit Zweitwohnsitz in der Grachtenstadt - präsentiert seinen neuen Spielfilm "Nightwatching" sowie eine "theatralische Multimedia-Installation zur Nachtwache". Auch Breitentaugliches wird geboten: "Rembrandt - The Musical" zum Beispiel. Man kann sich vorstellen, wie das Amt für Tourismus angesichts der erwarteten Besucherzahlen juchzt.
Offenbar hatte man aber Angst, dass die Touristen aufgrund der Baumaßnahmen beim Rijksmuseum keine geeigneten Fotostandpunkte finden könnten. Mutti vorm Bauzaun, das sieht doch nicht aus, auch wenn ein Rembrandt-Plakat dahinter hängt. Deshalb hat die Stadt auf dem Rembrandtplein, direkt vor dem ohnehin schon vorhandenen Denkmal für den Maler, etwas plaziert, was sich nur als Scheußlichkeit in Bronze bezeichnen lässt: Die Figuren der Nachtwache, lebensgroß und in Originalaufstellung, gefertigt von zwei russischen Künstlern. Und während die ersten chinesischen Touristengruppen sich vor dem monumentalen Souvenir ablichten lassen, rotiert Rem der Erste wahrscheinlich lautlos weinend in seinem unbekannten Grab unter der Westerkerk.

Von Anneke Bokern @ 12:03 Direkt nach der Flutkatastrophe in New Orleans hoben alle niederländischen Experten warnend die Zeigefinger: Glaubt ja nicht, dass das bei uns nicht passieren könnte! Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass selbst die Deltawerken den Niederlanden keinen hundertprozentigen Schutz vor dem Meer bieten können. Der Bau dieser Reihe von Flutwehren und Dämmen, die von der belgischen Grenze bis nach Rotterdam reicht, wurde nach der großen Sturmflut 1953 in Angriff genommen. Schlusspunkt war das Maeslantwehr, das erst 1997 fertiggestellt wurde. Seither gibt es zwar noch immer Überschwemmungen in den Niederlanden, aber sie kommen nicht mehr vom Meer, sondern von den Flüssen im Hinterland.
Jetzt weilt gerade eine amerikanische Delegation in den Niederlanden, um eben diese Deltawerken zu besichtigen. Schließlich liegen die Niederlande, ähnlich New Orleans, teilweise unter dem Meeresspiegel, profitieren aber auch auf ähnliche Weise von der Wassernähe. Rotterdam hat den zweitgrößten Seehafen der Welt (nach Shanghai), New Orleans den größten der USA. Der Unterschied ist, dass selbst die schwächsten niederländischen Deiche angeblich fünfmal so stark sind wie die stärksten Deiche in New Orleans.
Natürlich freuen sich über den Besuch vor allem niederländische Ingenieure, die auf lukrative Aufträge aus Louisiana hoffen. Und im Niederländischen Architekturinstitut startet am 20. Januar eine Ausstellung mit Wiederaufbauplänen für New Orleans von einigen niederländischen und amerikanischen Büros sowie einer Diskussionsreihe zum Thema Wassermanagement.

Oosterscheldedam

Maeslantkering

Übersicht der Dämme im Delta 2006-01-10
Von Anneke Bokern @ 09:50 Den Trend gibt es schon seit einer ganzen Weile, aber er treibt immer seltsamere Blüten: Niederländische Architektur ist im Ausland gefragter als zu Hause. Seit der große Boom in Holland abgeflaut ist und viele Auftraggeber lieber Retrokitsch statt schwer verdaulicher Supermoderne bauen lassen, grasen Ben, Rem, Winy & Co gerne auf fremden Weiden (und lassen dort ganz nebenbei ihren Dünger zurück). Hier ein paar aktuelle Beispiele:
- UN Studio haben in Neuseeland den Wettbewerb für die Erweiterung des Museums Te Papa gewonnen.
- Das eher bodenständige Delfter Büro Cepezed darf in Vietnam ein Bankhochhaus bauen.
- Next Architects, die in den Niederlanden noch so gut wie gar nichts gebaut haben, realisieren in Peking einen Büroblock.
- MVRDV bauen ein "public building" (was immer das sein mag) in Tokio.
- NL Architects arbeiten an einer Villa in Korea und wurden deshalb mit einer eigenen Sonderausgabe der koreanischen Zeitschrift Design Document bedacht.
- West 8 gestalten in Madrid ein Gebiet, das durch die Verlegung einer Autobahn unter die Erde frei wird.
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