Bremsklotz

[Architektur]
In und um Amsterdam gehören Staus zum Alltag. Über die Ringautobahn, aber auch über die anderen Autobahnen in der Randstad, wälzt sich jeden Morgen und Abend eine Blechlawine. Da hilft oft nur engelsgleiche Geduld. Drei junge Architekturbüros aus den Niederlanden, Deutschland und Österreich fühlten sich deshalb bereits vor einigen Jahren bemüßigt, ein Stau-Paket mit Spielzeug für den gelangweilten niederländischen Autofahrer zu entwickeln.

Seit kurzem schlurpt nun entlang der A2 nahe Utrecht eine ziemlich auffällige Lärmschutzwand vom niederländischen Oberblobmeister Kas Oosterhuis. Die mit durchsichtigen Platten verkleidete Konstruktion verdickt sich an einer Stelle geschwulstähnlich und beherbergt dort einen zur Autobahn ausgerichteten Showroom für Edelschlitten.

Natürlich kam es, wie es kommen musste: Wie die Zeitung Het Parool heute berichtet, ist die Staufrequenz an diesem Abschnitt der A2 in den letzten zwei Wochen um 62% gestiegen, weil die Autofahrer sich alle die Hälse nach den Maseratis und Lamborghinis im Showroom verrenken. Laut dem Autohaus-Chef wird sich das aber mit der Zeit geben. "Die meisten Leute stehen hier doch jeden Tag im Stau, sie werden sich daran gewöhnen", teilte er der Zeitung ungerührt mit.

a12 cockpit showroom

living in a box

[Architektur]
Bezahlbare Wohnungen sind in niederländischen Städten Mangelware. Dank eines total überholten sozialen Mietwohnungssystems und eines fast nicht vorhandenen freien Mietwohnungsmarkts, sind elend lange Wartelisten und illegale Untermiete an der Tagesordnung. Am härtesten trifft das natürlich jene Klientel, die sowieso kein Vermieter freiwillig haben will: Studenten.

Inzwischen haben die Wohnungsbaugesellschaften aber festgestellt, dass Studies nicht nur notorisch pleite, sondern auch genügsam sind und deshalb prima Meerschweinchen für Wohnexperimente abgeben. Hier ein kleines Panorama experimenteller niederländischer Studentenbehausungen:

spacebox spacebox2

Spacebox-Siedlungen gibt es inzwischen in Utrecht, Delft, Eindhoven und Amsterdam. Die bunten Kistchen bestehen aus einem Kunststoff, der zuvor nur im Schiffsbau verwendet wurde. Sie werden fix und fertig geliefert, per Kran gestapelt und dann mit metallenen Treppen und Laubengänen aneinander gekoppelt.

keetwonen

Seecontainer, umgebaut zum Wohnungstyp "Dekan" oder "Professor", auf einer alten Werft in Amsterdam-Noord...

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...und treibend im Fluss in Zwolle.

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Studentenwohnungen im Lärmschutzwall an der A12 in Utrecht.

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Ehemaliges Asylbewerberheim in Amsterdam, farblich etwas aufgefrischt...

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...und gleich nebendran ein ausrangiertes zypriotische Kreuzfahrtschiff, Blick auf den Holzhafen und Luxuswohnblock Silodam von MVRDV inklusive.

Private Food in a Public Space 2

[Design]
Hier der Erfahrungsbericht aus erster Hand zu Marti Guixés Food Facility:

1. Monobloc-Plastikstühle sind endgültig im Walhalla des Anti-Designs angekommen.

2. Google-Suchergebnislisten eignen sich hervorragend als Tapete.

3. Wenn es nur Dixi-Toiletten gibt, sollte man auch bei längerem Warten auf Take-Away-Lieferungen den Biergenuss einschränken.

warning

4. Die Take-Away-Boten machten bei Ankunft im Speisesaal große Augen. Vermutlich hielten sie uns für völlig bekloppt.

5. Am schnellsten ist der Thai, am langsamsten der Indonesier. Der Nachtisch vom Italiener (warmer Feigenkuchen) kommt eine halbe Stunde vor dem Hauptgericht vom Marokkaner. "Natürlich wird der jetzt kalt, aber das gehört zum Konzept", erklärt die freundliche Food Hostess.

6. Mindestbestellpreise pro Take Away sind der kulinarischen Bandbreite nicht zuträglich.

7. Das macht aber nichts, denn aufgrund der unterschiedlichen Lieferzeiten isst man ohnehin viel zuviel durcheinander. Erst Rindercurry, dann Ziegenkäse-Bruschetta, dann Tagine, dann Saté, dann (kalt gewordener) Feigenkuchen. Der gastrische Effekt ähnelt dem eines Kindergeburtstags.

food spoon

Menschlich

[Kunst]
"Porträts" heißt die große Soloausstellung von Rineke Dijkstra, die gestern im Stedelijk Museum eröffnet wurde. Das ist ein wenig, als würde man eine Ausstellung über das Werk eines Architekten "Gebäude" nennen.

Dijkstra wurde Anfang der neunziger Jahre mit ihren Porträtfotografien von Jugendlichen am Strand berühmt. Etwas linkisch, aber auch trotzig selbstbewusst stehen die Teenager im Sand, tragen schlecht sitzende Badesachen, wissen nicht so recht, wohin mit ihren Gliedmaßen, und wirken dabei unglaublich menschlich.

Dank solch psychologisch vielschichtiger Fotos wurde Dijkstra zu einem der Shooting Stars der niederländischen Kunstszene. Der rote Faden in ihrem Werk führt von Toreros nach dem Kampf über Mütter nach der Geburt bis hin zu jungen Männern vor und nach dem Eintritt in die Fremdenlegion. Als die englische Boulevardpresse vor einigen Jahren einen Skandal um ein Nacktfoto von einem kleinen Mädchen heraufbeschwor, war der Ruhm der 1959 geborenen Fotografin endgültig zementiert. Das Foto ist seither unverkäuflich, aber dafür stiegen die Preise ihrer anderen Werke sprunghaft an.

Die Ausstellung bietet einen großartigen Überblick über Dijkstras Schaffen, der mit einer nagelneuen, vielleicht schon etwas zu routinierten Fotoserie von Jugendlichen im Amsterdamer Vondelpark endet.

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