|  2005-10-27
Von Anneke Bokern @ 11:49 Temporäre Initiativen sind immer gut. Nichts ist schöner, als an einem urbanen Ort zu sein, von dem man weiß, dass man ihn einmal vermissen wird, weil er so charmant improvisiert war. Vorauseilende Nostalgie, sozusagen.
Was fürs Amsterdamer Club-Restaurant Elf im elften Stock des Post-CS-Gebäudes gilt, das vermutlich Mitte nächsten Jahres wieder verschwinden wird, galt auch für den Stadtstrand Blijburg auf IJburg, der bereits im September das Zeitliche segnete. Ob Marti Guixés Gastronomieexperiment einmal vermisst werden wird, muss sich noch zeigen.
Dagegen haben die Guerilla Stores, initiiert vom Lifestyle-Magazin Blend, ihre Qualitäten schon unter Beweis gestellt. Im Sommer hatte das ad-hoc-Designerladenprojekt seine Zelte zwei Monate lang unter dem Hilton Hotel in Rotterdam aufgeschlagen. Nun taucht es in Den Haag wieder auf: Vom 2. November bis 31. Dezember kann man irgendwo am Grote Markt Designermode, Schuhe, Accessoires, Musik, Bücher und - schließlich sind wir in Holland - Fahrräder kaufen oder sich bei subkulturell wertvollen Ausstellungen und Parties amüsieren. Temporäre Guerillaläden in Arnheim und Amsterdam werden in absehbarer Zeit folgen.

2005-10-20
Von Anneke Bokern @ 13:35 "Food Facility" nennt sich ein experimentelles Restaurant-Konzept, das der katalanische Ex-Designer Marti Guixé vom 30.10. bis 11.12. in Amsterdam ausprobieren wird. Der Gast darf es sich in einem Speisesaal gemütlich machen und bekommt von der "Food Hostess" die Karten ausgewählter Take Aways in der Umgebung gereicht. Dort wird das Essen dann bestellt und bei Ankunft vom "Food DJ" aller unschönen Plastik- und Aluhüllen entledigt. Mit etwas Glück kann man dann noch mit dem Nebentisch über den Tausch einzelner Gänge des Menüs verhandeln - thailändische Kokossuppe als Vorspeise, Pizza als Hauptgericht, Baklava als Dessert. Sofern man das lecker findet.
Dass Guixé für dieses Experiment Amsterdam als Standort ausgewählt hat, kann kein Zufall sein: Denn der hiesige Restaurantgänger ist nicht sonderlich verwöhnt. Das Essen vom orientalischen Lieferservice um die Ecke ist häufig ohnehin besser als das, was im Restaurant für teuer Geld aufgetischt wird. Mit dem Kochen haben die Niederländer es nicht so. Die Gründe dürften ebenso im Erbe des Kalvinismus wie im Modernitätsglauben liegen - über 80% der Haushalte haben eine Mikrowelle, und im Schnitt verbringt der Niederländer ganze 20 Minuten pro Tag in der Küche.
Es ist also gar nicht falsch, sich an die Kochkünste der meist eingewanderten Take-Away-Betreiber zu halten. Nur in puncto Ästhetik sticht ein künstlerisch ausbalanciertes Fleischtürmchen auf Designerteller noch immer jeden Pizzakarton aus. Man darf gespannt sein, was der "Food DJ" daraus macht. 2005-10-19
Von Anneke Bokern @ 10:26 Wie gestern bekannt wurde, wird der Umbau des Rijksmuseums in Amsterdam wohl noch ein paar Jahre länger dauern als geplant. Vorraussichtlich werden die Umbauarbeiten erst im Sommer 2006 anfangen können.
Ursprünglich sollte das teuerste kulturelle Bauprojekt der Niederlande im Jahr 2008 fertiggestellt sein. Die Pläne vom spanischen Büro Cruz & Ortiz (Ex-Rijksbouwmeester Jo Coenen war ein großer Freund südeuropäischer Architektur) liegen jedenfalls schon seit 2001 fix und fertig in der Schublade. Aber vor ein paar Monaten, als das Museum schon für den Umbau geschlossen war, erhob plötzlich der Stadtteil Einspruch, da diesen Plänen zufolge der beliebte Fahrradtunnel unter dem Museum zugebaut werden soll. Genauer gesagt wollten die Architekten dort den neuen Eingang ansiedeln, in Form einer breiten Treppe, die in ein unterirdisches Foyer führt. Rechts und links davon wären jeweils ein paar Meter Platz für Radfahrer und Fußgänger geblieben - zu wenig für eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Innenstadt und Museumplein, befand der Stadtteilrat mit vierjähriger Verspätung. Man sollte sich eben nie mit den Amsterdamer Radfahrern anlegen.
Cruz & Ortiz müssen sich also etwas neues einfallen lassen. Aber damit nicht genug: Nun hat der Stadtteil auch noch eine sogenannte "Milieu Effect Rapportage" angeordnet, da das Museum in Zukunft doppelt so viele Besucher wie bisher erwartet und man die Auswirkungen des Massenansturms auf die Umwelt kalkulieren will. Als hätte man das nicht schon vor Jahren gewusst.
Jedenfalls sieht es jetzt so aus, als würde das Rijksmuseum später mit der Realisierung seines 2001 entworfenen Umbaus anfangen als das benachbarte Stedelijk Museum mit seinem Um- und Anbau, den Benthem Crouwel erst 2004 entworfen haben. Und das will etwas heißen, ist doch das Stedelijk Museum für sein wenig glückliches Händchen in Sachen Museumsanbau berüchtigt.
 2005-10-13
Von Anneke Bokern @ 13:45 Amsterdam ist im China-Fieber. Im Rahmen des Amsterdam China Festivals finden momentan zig Veranstaltungen mit Kunst, Kultur etc. aus China statt. Im Architekturzentrum Arcam gibt es eine Ausstellung über Werke niederländischer Architekten im Land des boomigsten aller Architekturbooms, im Stedelijk Museum sind Fotos und Videos vom chinesischen Künstler Yang Fudong zu sehen, und Kunstzentrum De Appel zeigt "Out of Sight", eine Ausstellung mit Werken von 7 chinesischen Künstlern, zusammengestellt vom chinesischen Starkurator Hou Hanru. Wer danach noch nicht genug hat, kann sich morgen abend im Paradiso verschiedene Chinapop-Bands zu Gemüte führen - übrigens auch als Livestream im Internet.
Von Anneke Bokern @ 12:07 Die Niederländer haben bekanntlich einen Hang zum Pragmatischen, der sehr erfrischend sein kann. Zum Beispiel wenn Polizisten, die jemanden nachts ohne Licht auf dem Fahrrad erwischen, dem Delinquenten keine Strafe aufbrummen, sondern an Ort und Stelle batteriebetriebene Lämpchen verkaufen.
In dieselbe Kategorie gehört eine Maßnahme, die die Stadt gegen "cruisende" Schwule im Naturpark De Oeverlanden getroffen hat. Das Landschaftsschutzgebiet am Nieuwe Meer, einem See im Süden der Stadt, ist seit Jahr und Tag inoffizieller Treffpunkt für Homosexuelle, was andere Spaziergänger nicht immer zu schätzen wissen. Vor etwa einem Jahr hat der Stadtteil dort eine Herde schottischer Hochlandrinder ausgesetzt - angeblich, weil sie als natürliche Rasenmäher fungieren. Wie eine Landschaftsarchitektin mir einmal erklärte, ist es die einzige Rinderrasse, die nicht gemolken werden muss. Dass die Rindviecher auch sexpartnersuchende Männer verschrecken, wird als willkommene Nebenwirkung in Kauf genommen. "Seitdem die Rinder dort grasen, ist das Gebiet für ein breiteres Publikum attraktiver geworden", steht auf der Homepage des Stadtteils.
Letzten Samstag bin ich den Tierchen auf einer Fahrradtour zum ersten Mal begegnet - zum Beweis ein Handy-Schnappschuss. Sie erwiesen sich als äußerst friedlich. Keine Ahnung, wie man sich vor ihnen erschrecken kann. Wahrscheinlich beruht ihre Wirkung eher darauf, dass man sich im Landschaftspark nie mehr unbeobachtet fühlt.
 2005-10-12
Von Anneke Bokern @ 11:34 Wer hätte das gedacht: Droog goes Ikea. Hella Jongerius hat für die schwedische Möbelhauskette eine Serie Vasen entworfen, die jetzt für 35 Euro pro Stück unters Volk gebracht werden. "It feels like being an architect who is building his first multi-storey block", freut sich die Rotterdamer Designerin auf ihrer Homepage. Naja, eigentlich müsste sie sich eher wie ein Architekt fühlen, der sein erstes Fertighaus in Produktion gegeben hat.
Für die niederländische Traditionsmanufaktur Koninklijke Tichelaar Makkum hat Jongerius Anfang des Jahres auch eine Vase entworfen. Kleiner, aber feiner Unterschied: Sie kostet 328 Euro. Handgemacht sind allerdings beide, wenngleich die eine in Makkum und die anderen in China. "I wanted to make a product that is uniform in shape, but that reveals that it must have been made in a traditional workshop because there is no industrial production technique for this particular ceramic process. This was possible because Ikea has manufacturing companies in China, which produce very high-quality handwork, but can also deal with large volumes."
Über diese Erklärung regen wir uns jetzt fünf Minuten lang auf, denken über Globalisierung, Sweatshops, kommunistische Regimes und Konsumgesellschaft nach. Und dann steigen wir ins Auto und fahren ganz schnell zu Ikea, ehe die Vasen ausverkauft sind.

Vase für Koninklijke Tichelaar Makkum

Vasen für Ikea
2005-10-07
Von Anneke Bokern @ 10:37 Vielen Dank, Miguel, für den Kommentar zu Koolhaasens PCM-Entwurf! Auf die Ähnlichkeit mit dem Looschen Säulenbau für die Chicago Tribune hätte man natürlich gleich kommen müssen. Zumal es auch noch in beiden Fällen um einen Zeitungsverlag geht.

Ist der Entwurf von Koolhaas also nur ein Architektenwitz? Oder eine Fortsetzung des 15 Jahre alten OMA-Gags mit dem Mies'schen T-Träger auf dem Dach der Kunsthal in Rotterdam?
Und um das Netz der Bezüge und Querverweise noch weiter auszubauen, hier noch dies: Auf den östlichen Hafeninseln in Amsterdam wehren die Bewohner sich gerade mit Händen und Füßen gegen den Bau eines Wohnblocks namens "Fountainhead" - benannt nach dem Buch von Ayn Rand und dem dazugehörigen Film, in dem der Fountainhead-Turm bekanntlich nach Gropius' Beitrag zum Chicago-Tribune-Wettbewerb modelliert wurde...
Der geplante Bau ist einer der 3 Megablocks, die im Städtebauplan von West 8 den Patiohaus-Teppich unterbrechen sollen. "Walfisch" und "Pacman" stehen schon seit 2000, nur "Fountainhead" wurde bisher nicht realisiert. Ein erster Entwurf von Steven Holl wurde von der Wohnungsbaugesellschaft verworfen. Inzwischen gibt es einen neuen Entwurf von Kees Christiaanse, der demnächst gebaut werden soll. Allerdings finden das die Bewohner der dahinterliegenden Patiohäuser nicht lustig, denn sie haben seit Jahren freie Aussicht auf eine Wiese und ein Hafenbecken. Statt dessen könnten sie demnächst hierdrauf schauen:
 
2005-10-06
Von Anneke Bokern @ 11:06 Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass Nicolas Schafhausen neuer Direktor des Kunstzentrums Witte de With in Rotterdam wird. Mutig, mutig. Schafhausen, bisher Direktor des Frankfurter Kunstvereins und kürzlich Mitkurator der internationalen "Populism"-Ausstellung, stürzt sich in eine Löwengrube.
Denn die Stadt Rotterdam hat sich in den letzten Jahren durch erfolgreiches Vergraulen internationaler Kuratoren profiliert. Vor fünf Jahren erlebte sie einen großen kulturellen Hype, war 2001 europäische Kulturhauptstadt und galt auf einmal als coolste Stadt der Niederlande. Aber dann übernahmen Konservative und Rechtspopulisten das Zepter im Stadtrat und räumten mit all dem Kunstgetue auf. Seither weht den Kulturschaffenden eine steife Hafenbrise entgegen: Es hagelt Zensurversuche, Subventionsstreichungen und Vorwürfe des Elitismus.
Als erster warf der Belgier Chris Dercon das Handtuch, lauthals über die "Berlusconikultur" fluchend, und verließ das Boijmans Museum, um nach München zu gehen. Ihm folgte 2004 die Französin Catherine David, Direktorin des Witte de With. Sie bezeichnete die Rotterdamer als "Lumpenproletariat", das "Intellektualität systematisch als Arroganz deutet". Starker Tobak.
Nun tritt also Schafhausen ihre Nachfolge an und darf sich am Eiertanz zwischen künstlerischem Anspruch und bürgernaher Politik versuchen. Immerhin kennt er sich mit Populismus aus. 2005-10-05
Von Anneke Bokern @ 09:44 Hatte ich im letzten Beitrag was von der Spätmoderne als Inspiration für Koolhaas geschrieben? Zurückspulen, löschen. Spätantike trifft es offenbar besser.
Nachdem OMA in den letzten Jahren in ihrer Heimat nur noch Tiefgaragen (Almere, Breda) und Straßenbahntunnels (Den Haag) bauen durften und sich überirdische Projekte fürs Ausland aufhoben, entwerfen sie nun den neuen Hauptsitz des Zeitungsverlags PCM in Amsterdam. Am Freitag erschien in der Zeitung De Volkskrant ein erstes Modellfoto. Und siehe da: Koolhaas ist auf die Kannelure gekommen.
Aus einem zweigeschossigen Sockelbau erhebt sich ein säulenähnliches Volumen, das laut OMA-Partner Floris Alkemade "die Säule der Medien, der Zeitungen symbolisiert". Auf der Fassade des obersten Bauklötzchens sollen täglich die "Breaking News" zu lesen sein.
Entweder wird sich dieses Styrodur-Objekt in der nächsten OMA-Ausstellung am Anfang einer langen Reihe von morphenden Arbeitsmodellen wiederfinden, deren Endprodukt dem Ausgangspunkt kaum noch ähnelt, oder wir erleben gerade den Beginn der Neopostmoderne.

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